SCOPEhandling
Kunststoff Magazin
LABOengine
Kunststoff Magazin Online - Fachportal für die Kunststoff Industrie

Ulrich ReifenhäuserMehr Mut als Projektpläne

Der Kunststoffmaschinenbau in Deutschland war und ist außerordentlich erfolgreich. Die kommende K in Düsseldorf wird wieder zeigen, dass von ihr nach wie vor eine enorme Innovationskraft ausgeht. Das liegt wohl in weiten Teilen in deren Struktur begründet: Auch wenn es gerade in den letzten Jahren immer wieder Fusionen und Übernahmen gab, behaupten sich erstaunlich viele Mittelständler in unserer außerordentlich international agierenden Branche. Nun ist die Reifenhäuser-Gruppe mit ihren rund 450 Millionen Euro Jahresumsatz sicher aus der Größenordnung des typischen Mittelstandes heraus gewachsen, die Merkmale sind es aber nicht: Familiengeführt, die einzelnen Geschäftsbereiche überschaubar und mit sehr flacher Hierarchie agierend. Vor allem aber sind wir getrieben von der Technik, von eigenen Entwicklungen, von Innovationen.

sep
sep
sep
sep
Ulrich Reifenhäuser: Mehr Mut als Projektpläne

Schaut man ein wenig zurück in die Geschichte unserer Unternehmen, aber auch die vieler Kollegen, findet man häufig eine oder zwei begeisterte und begnadete Techniker, die aber auch ein gewisses kaufmännisches Talent haben oder hatten. Ich denke, auch das macht auch heute noch Erfolge möglich: Mittelständisches Denken ist vielleicht etwas mehr gekennzeichnet vom Mut und Spaß, in einen interessanten Gedanken zu investieren, der zunächst vielleicht nur schwer in einen Investitions- oder Projektplan zu pressen oder gar einem Aufsichtsrat schmackhaft zu machen ist. Nicht ein bisschen schneller, dünner, billiger bringt den wirklich nachhaltigen Erfolg, sondern im „ganz anders machen“ liegen die wirklichen Potenziale. Zu dem Thema wollen wir auf der K einiges zeigen. Oft ist es einfacher, mit einem technisch versierten oder gar technikbegeisterten Inhaber zu diskutieren und schnelle Entscheidungen herbei zu führen, als den Weg durch die Instanzen zu gehen. Ein strategisch denkender Mittelständler ist auf längere Sicht gelegentlich der bessere Unternehmer als der Controller einer großen AG. Allerdings muss man auch konstatieren, dass es kleineren Unternehmen immer schwerer fällt, ausreichendes Kapital für längerfristige und größere Entwicklungen bereit zu stellen und/oder den Vertrieb in die international interessanten Märkte auszuweiten.

Anzeige

Wir haben versucht, diese positiven Wirkungen mittelständischer Strukturen trotz des Wachstums auch weiterhin in unserer Gruppe zu nutzen, aber eben auch ausreichende Stärke für den internationalen Wettbewerb und komplexe Entwicklungen zu schaffen. Unsere sechs Geschäftseinheiten sind jede für sich durchaus überschaubar und die jeweiligen Geschäftsführer führen die Einheiten wie eigenständige Unternehmen. Allerdings haben wir keine bunte Unternehmenslandschaft zusammengekauft, diese Unternehmen ergänzen sich in ihren Produkten und Dienstleistungen, alle Einheiten sind im Umfeld der Extrusion tätig. Über die Holding schafft das mancherlei Synergien: So nutzen wir selbstverständlich gemeinsame Standorte im Ausland, aber auch innovative Entwicklungen können häufig in mehreren Units genutzt werden, da muss das Rad nicht doppelt erfunden werden.

Gerade der Auf- und Ausbau der internationalen Präsenz ist für den Mittelstand ohne Partner mitunter schwierig zu bewältigen. Wir kommen aber alle nicht umhin, die attraktiven Märkte der Zukunft zu bedienen, zumal sich auf den mitteleuropäischen Märkten, unserem Stammgebiet, zunehmend ausländische Anbieter tummeln. Kunden benötigen Vertrauen in die Produkte, aber auch zum Hersteller, schließlich handelt es sich um Investitionsgüter, die keine langen Stillstandszeiten vertragen. Da möchte man den Servicepartner möglichst in der Nähe haben, in der gleichen Zeitzone, und mit ihm möglichst in der Muttersprache kommunizieren. Extrusionsanlagen wie wir sie bauen, benötigen allerdings wenig Service über die Lebensdauer. Eine reine Servicegesellschaft im Ausland aufrecht zu erhalten ist also schwierig, sie kann aus eigener Kraft kaum leben. Trotzdem werden sie als Vertriebsunterstützung benötigt. Wer künftig erfolgreich sein will, muss das Problem lösen – wenn er das bisher nicht geschafft hat.

Nahezu jedes erfolgreiche kleinere und mittlere Unternehmen unserer Branche weckt Begehrlichkeiten bei Investmentbanken oder auch größeren Firmen, die Know-how zukaufen möchten. Das ist verlockend, gerade vor dem Hintergrund der mit einem solchen Deal einhergehenden – vermeintlichen – Möglichkeiten, nun erheblich schneller zu wachsen und neue Märkte zu erobern. Wie viele Beispiele zeigen, ist das nicht unbedingt der Königsweg…

Vor einem weiteren Problem stehen gerade solche Unternehmensinhaber, die Techniker und Kaufleute gleichermaßen sind: Sie müssen im Sinne einer langfristigen Strategie Unternehmenssicherung betreiben. Die Wege dazu sind vielfältig, gerade bei einer kleinen Familie kann es problematisch sein, eine interne Lösung zu finden. Wir, die Familie Reifenhäuser, haben aktuell keinen direkten Handlungsbedarf. Wir haben ja bereits in den letzten Jahren durch meinen jüngeren Bruder Bernd Verstärkung bekommen – und damit einen erheblichen Know-how-Zufluss aus anderen Branchen wie der Automobilindustrie, beispielsweise zu den Themen Einkauf oder Lean-Production. Auf jeden Fall wird es weiterhin so sein, dass Familienmitglieder die bei Reifenhäuser Positionen im Management einnehmen, zuvor in anderen Unternehmen ihre Fähigkeiten bewiesen haben müssen, völlig unabhängig von ihrer Herkunft.

Ebenso klar ist, dass wir an unseren bewährten Strukturen mit überschaubaren Einheiten, der Konzentration auf einige Kerntechnologien und der Produktion in Deutschland auch längerfristig festhalten. Das sehen wir für unsere Unternehmen – und vielleicht auch einen größeren Teil der Kunststoff-Branche – als den Weg zur Zukunftssicherung.

In dieser Konstellation haben wir die auch künftig die Chance, die Spitze der Technologie zu entwickeln und marktfähig zu machen – nicht billig, aber zu wettbewerbsfähigen Kosten. Oder anders ausgedrückt: Auch künftig muss sich der Return of Invest für unsere Kunden aus den Besonderheiten und Leistungen unserer Anlagen ergeben und sich nicht über die Investitionskosten rechnen lassen.

Ulrich Reifenhäuser ist Geschäftsführer der Reifenhäuser Holding.

Zum Unternehmen

Eine von Anton Reifenhäuser im Jahr 1911 gegründete Schmiede ist die Keimzelle der heutigen Unternehmensgruppe, sie sich auf den Bau von Anlagen rund um verschiedene Extrusionstechnologien beschäftigt. 1200 Mitarbeiter erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2011/2012 etwa 450 Millionen Euro Umsatz. Mehr als 60 Servicestandorte und Vertretungen werden weltweit betrieben. Geführt wird die vollständig in Familienbesitz stehende Gruppe in der dritten Generation von Bernd, Klaus und Ulrich Reifenhäuser.

Anzeige
Diesen Artikel …
sep
sep
sep
sep
sep

Weitere Beiträge zum Thema

Coperion setzt den Werkstoff Nikrodur erstmals bei der Lochplatte der neue Unterwassergranulierung Typ UG750W ein – die Lochplatte weist mehr als 5700 Bohrungen auf, der Nenndurchsatz liegt bei bis zu 70 Tonnen pro Stunde. (Bild: Coperion)

Standzeiten entscheidend verlängernWerkstofflösungen für Unterwassergranulieranlagen

Eine der wichtigsten Komponenten der Unterwasser-Granulierung (UWG) von Kunststoffen ist Lochplatte an der Extrusionsanlage. Auf dieser Platte rotierende Messer schneiden die Extrusionsstränge auf die gewünschte Granulatlänge. 

…mehr
Ein neues Masterbatch soll die Rauch- und Geruchsbildung beim Extrusionsbeschichten deutlich reduzieren. (Bild: Tosaf)

Weniger Rauch und GeruchWeißes Masterbatch für das Extrusionsbeschichten

Ein neues weißes Masterbatch soll seiner erhöhten Hitzebeständigkeit während der Verarbeitung bei hohen Temperaturen eine deutlich geringere Rauch- und Geruchsentwicklung als herkömmliche Typen verursachen.

…mehr
Prüfprozesse in der Extrusion sind online in der Fertigung oder offline im Labor möglich. (Bild: Collin)

Oberflächen präzise checkenOnline-Folien-Prüfung bei der Extrusionsbeschichtung

Das Multi-Inspektion Polytest Line dient der Analyse von verschiedenen Kunststoffen und Mischungen, aber auch der Aufbereitung von Virgin-Materialien, Compounds, Masterbatches oder Analyse von Kunststoffrezyklaten. 

…mehr
An nur einem Punkt lässt sich der Extrusionsspalt bei der Plattenproduktion einstellen. (Bild: Nordson)

Weniger Ausschuss produzierenDüse für schnelle Änderung der Plattendicke

Zur Erhöhung der Flexibilität und Produktionskapazität wird das Unternehmen Gebau die Produktionslinie in Moskau mit einer Plattendüse mit speziellem Justiersystem und leistungsfähigen Schmelzepumpen ausrüsten.

…mehr
Grundprinzip der elektronischen Druckkompensation EPC, die im gravimetrischen Dosiersystem zum Einsatz kommt. (Bild: Coperion K-Tron)

Mehr Leistung in die ExtrusionExtruder-Schnecken mit Evolventenverzahnung

Vor allem auf die Erzeugung hochgefüllter Werkstoffe zielen neue, patentierte Schneckenelemente, die erstmals während der Chinaplas vorgestellt wurden.

…mehr
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Neue Stellenanzeigen