Dr. Markus Steilemann

Annina Schopen,

Covestro-CEO: Wir brauchen erneuerbare Rohstoffe

In der Interviewreihe „Way2K“ des VDMA-Fachverbands Kunststoff- und Gummimaschinen erklärt Dr. Markus Steilemann, CEO von Covestro, wie sein Unternehmen den Rohstoff Erdöl komplett ersetzen will und spricht über die Vorteile von chemischem Recycling.

Beim chemischen Recycling wird Abfall chemisch aufgelöst, in seine Moleküle zerlegt und aus diesen wiederum werden neue Molekülketten und neue Kunststoffe gebildet. © Covestro

Herr Steilemann, Ihr Unternehmen hat es sich zum Ziel gesetzt, den Rohstoff Erdöl künftig komplett zu ersetzen. Wie wollen Sie das erreichen?   
Wir sind entschlossen, Covestro vollständig auf die Kreislaufwirtschaft auszurichten. Was insbesondere bedeutet, das Element Kohlenstoff im Kreis zu führen und kein CO2 mehr freizusetzen. Erreichen wollen wir dies, indem wir den Kohlenstoff nicht länger aus fossilen Quellen wie Erdöl beziehen. Sondern aus erneuerbaren Ressourcen: Abfall, Biomasse und sogar CO2 selbst. Das ist ein Paradigmenwechsel, eine regelrechte Rohstoffrevolution, nicht nur für die Chemie- und Kunststoffindustrie, sondern auch für zahlreiche andere klimaintensive Branchen.

Welche Rolle spielt die Energieversorgung beim Schließen der Kreisläufe für Kunststoff? 
Hier sprechen Sie das zweite Kernelement für eine ressourceneffiziente Kreislaufwirtschaft an. Wir brauchen nämlich neben erneuerbaren Rohstoffen auch erneuerbare Energie. Covestro wird seine Standorte weltweit schrittweise auf Ökostrom umstellen. In Deutschland, Belgien und China haben wir uns dafür schon Wind- und Solarkapazitäten von Energieversorgern gesichert. Wenn ich auf die gesamte deutsche Chemieindustrie blicke, die bis 2050 klimaneutral werden will, dann müssen künftig gigantische Mengen an erneuerbaren Energien zu niedrigen Preisen her.

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Dr. Markus Steilemann, CEO von Covestro © Covestro

Kunststoff hat vor allem in Europa ein schlechtes Image. Beeinträchtigt dies das Geschäft eines Kunststoffherstellers wie Covestro?
Die Welt wird nachhaltiger und digitaler. Dafür werden unsere hochwertigen Kunststoffe und Kunststoff-Komponenten gebraucht, und deshalb sind sie auch gefragt. Beispiel energieeffizientes Bauen: Hier zieht der Bedarf an Isolationsmaterial deutlich an. Wir erwarten daher, dass die Nachfrage nach der wichtigen Dämmschaum-Zutat MDI in den kommenden Jahren stärker steigt als bislang geplant, nämlich im Schnitt um sechs Prozent. Aber auch bei vielen anderen wichtigen Themen – von Elektromobilität über digitale Infrastruktur bis zu erneuerbaren Energien – ginge es ohne innovative Kunststoffe nicht voran. 

Was können Hersteller tun, um das Image ihres Werkstoffs in der Öffentlichkeit zu verbessern?
Ich denke, dass viele Industriebereiche in einem vertrauensvollen, empathischen Dialog mit der Allgemeinheit eines stärker klarmachen sollten: Die Menschheit bekommt zahlreiche Herausforderungen nur mit zukunftsweisender Technologie und mit entsprechenden Materialien gelöst. Und dazu gehören eindeutig Kunststoffe. Auf der anderen Seite dürfen wir natürlich nicht nur ihren Nutzen und ihre Notwendigkeit betonen, sondern müssen auch eine Schattenseite zum Thema machen – die Sorge um die Umweltfolgen von Kunststoff.

Und was können Hersteller tun, um das zugrundeliegende Problem der großen Müllberge und -teppiche auf den Ozeanen zu verkleinern?
Die Bilder von riesigen Abfallstrudeln, verschmutzten Stränden und verendeten Meerestieren können niemanden kaltlassen. So wie bisher darf und wird es nicht weitergehen. Dafür müssen wir in erster Linie das Problem an der Wurzel bekämpfen. Diese Ursache sind aber weniger Kunststoffe an sich als vielmehr der generelle Umgang mit Abfall, der in weiten Teilen der Welt ein anderer werden muss. An diesem Hebel arbeitet ein internationales Firmenbündnis, die Alliance to End Plastic Waste, der auch Covestro angehört. Außerdem unterstützen die Partner bei der Müllbeseitigung und Entwicklung von Infrastrukturen und wollen die Menschen vor Ort in die Lage versetzen, gutes Abfallmanagement auf- und auszubauen. Und zwar im Rahmen einer umfassenden Kreislaufwirtschaft.

Derzeit wird viel im Bereich chemisches Recycling geforscht. Wie aufwändig ist dieser Prozess und wo steht man?
Bei vielen Kunststoffarten stößt das herkömmliche mechanische Recycling an seine Grenzen. Die überwinden wir, indem wir Abfall chemisch auflösen, in seine Moleküle zerlegen und aus diesen wiederum neue Molekülketten und neue Kunststoffe bilden. Nur so bekommen wir es hin, Kunststoffe im großen Stil zu recyceln. Das ist freilich noch ein weiter Weg. Erstmal steht an, die Technologie weiterzuentwickeln und für den Industriemaßstab zu erproben. Covestro betreibt zum Beispiel seit Anfang 2021 eine Pilotanlage, in der wir ein bahnbrechendes neues Verfahren zum chemischen Recycling von weichem Schaumstoff für Matratzen vorantreiben. Wenn es sich durchsetzt, könnte es einen Wendepunkt markieren: Matratzen müssten dann nicht länger verbrannt oder auf Deponien gelagert werden.

Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft braucht auch einen sinnvollen politischen Rahmen. Was erwarten Sie hier von der neuen Bundesregierung?
An erster Stelle erwarte ich, dass das Versprechen im Koalitionsvertrag, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu einem zentralen Projekt der Regierungsarbeit zu machen, wirklich wahr wird. Das Schneckentempo der vergangenen Jahre könnte einen verzweifeln lassen. Aber ich bin Optimist. Das gilt auch für andere Vorhaben der Koalitionäre, die sich mit meinen Wünschen und denen unserer Branche decken – schlanker Staat, digitaler Aufbruch, moderne Infrastruktur und vieles mehr. Wir nehmen die Ampel beim Wort: mehr Fortschritt wagen. Die Chemieindustrie ist jedenfalls dabei. 

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