Märkte

Chancen und Risiken

Der europäische Composites-Markt
Noch stehen die Chancen nicht schlecht, noch ist der Markt für Faserverbundstoffe in Europa von Wachstum geprägt. Doch die Branche sieht sich neuen Herausforderungen und damit auch neuen Risiken gegenüber.



Elmar Witten, Geschäftsführer der AVK, der Industrievereinigung Verstärkte Kunststoffe e.V., Frankfurt, weiß, dass sich auch für seinen Industriezweig die Marktbedingungen ändern oder längst schon geändert haben. Doch er ist fest davon überzeugt, dass sich Europas Composites-Unternehmen auch in kommenden Jahren durchaus Wettbewerbsvorteile verschaffen können, wenn sie ihre Stärken und die sich bietenden Chancen am Markt nutzen. In seinem Plenarvortrag anlässlich der AVK-Tagung Ende September 2008 in der Ruhrmetropole Essen wies Witten darauf hin, dass eine der Stärken der betreffenden Unternehmen ihre große Flexibilität hinsichtlich des Einsatzspektrums der GFK-Produkte ist. Heißt im Klartext: Wer heute GFK-Boote herstellt, der könnte morgen beispielsweise auf Rotorflügel für Windkraftwerke umsatteln und damit seine Kapazität auslasten.

RTM legt kräftig zu

Noch ist das ein Szenario für die Zukunft, noch laufen die Geschäfte auf herkömmlicher Spur nicht schlecht. Nach den vom AVK vorgelegten Zahlen ist das Wachstum der gesamten GFK-Produktion mit +5,6 Prozent im Jahr 2007 nur leicht schwächer ausgefallen als 2006. Die Produktionsmenge in Europa hat ein Gesamtvolumen von fast 1,2 Millionen Tonnen erreicht. Nach einem erfreulichen Plus von 8,0 Prozent in 2006 legte die Produktion duroplastischer Teile aus SMC (Sheet Moulding Compound) und BMC (Bulk Moulding Compound) auf hohem Niveau nur um 2,4 Prozent zu. Dabei stagnierte die auf den Elektrosektor und Scheinwerferreflektoren fokussierte BMC-Produktion. Die Herstellung von SMC stieg um 3,2 Prozent, wobei sich Wachstumspotenziale der Hauptanwendungen Lkw- und Pkw-Bauteile vor allem in außereuropäischen Ländern bieten.

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Mit den offenen Verfahren Handlaminieren und Faserspritzen werden in Europa immer noch mit über 30 Prozent die größten Anteile an GFK-Mengen verarbeitet. Dieses Drittel der Produktion entfällt nach Kenntnis von AVK-Chef Witten überwiegend auf das Bau-/Konstruktionswesen, auf Nutzfahrzeuge, Freizeitmobile und Bootskörper sowie den Sanitärbereich. Bei einem Volumen von mittlerweile etwa 10 Prozent des GFK-Gesamtmarkts hat sich die Produktion von mit geschlossenen RTM-Verfahren (Resin Transfer Moulding) hergestellten Teilen überdurchschnittlich erhöht. Der Anstieg um 13 Prozent ist hauptsächlich eine Folge der kontinuierlichen Substitution offener Verfahren bei großflächigen Kleinserienbauteilen. RTM-Bauteile mit beidseitig glatten Flächen finden sich unter anderem in Freizeitbooten und (mittlerweile fast ausschließlich) bei Rotorblättern von Windkraftanlagen.

Während die mit kontinuierlichen Verfahren erzeugten Platten auf ein Wachstum von lediglich 2,9 Prozent kamen, legte der Markt für pultrudierte GFK-Profile weiterhin überdurchschnittlich um 8,7 Prozent zu. Diese Entwicklung ist neben dem Transportbereich im Wesentlichen dem Bausektor zu verdanken. Zuwächse bei Profilen ergaben sich insbesondere durch neue Brückenbauprojekte sowie bei Kabelkanälen.

Wie schon in den letzten Jahren sind die thermoplastischen Formmassen und Halbzeuge mit 10 Prozent wieder zweistellig gewachsen. Hauptanwendungen finden sich in der Automobilindustrie, wobei das Plus aus der zunehmenden Verwendung von langfaserverstärkten Thermoplasten (LFT) resultiert. Auch im Weltmarkt für LFT wird für den Zeitraum von 2006 bis 2010 mit einem Plus von ca. 40 Prozent gerechnet. Glasmattenverstärkte Thermoplaste (GMT) werden hingegen mehr und mehr durch Direktverfahren abgelöst. Wenig Bewegung kann Witten in den einzelnen Anwendungssegmenten feststellen. Wie er dazu ausführte, gab es hinsichtlich der Industriesektoren auf europäischer Ebene insgesamt betrachtet nur marginale Veränderungen gegenüber dem Vorjahr. Leicht überdurchschnittliche Zuwächse von fünf bis sechs Prozent verzeichneten die Lkw-Produktion und der sich weiterhin gut entwickelnde Bootsbau. Andere Bauteile, so etwa für Schwimmbäder, Windenergieanlagen und Schlauchliner zur Kanalrenovierung bringen es kontinuierlich auf jährliche Zuwächse von über 20 Prozent.

Zuwachs für Osteuropa

Die großen Player im europäischen Markt sind Spanien, Italien, Deutschland, Großbritannien und Frankreich, in denen gut zwei Drittel der GFK-Bauteile hergestellt werden. Mit der Einbeziehung weiterer europäischer Länder könnte sich dieses Bild in Zukunft zugunsten der mittel- und osteuropäischen Regionen verändern. Bezüglich des geschätzten Zukunftspotenzials lassen sich die europäischen Staaten in schwach, mittel und stark wachsende Länder unterscheiden. Auf ein eher schwaches jährliches GFK-Wachstum von 0 bis 2 Prozent dürften Großbritannien, die Beneluxländer und Finnland kommen. Für Schweden, Dänemark, Spanien, Portugal, Italien, Frankreich und Deutschland wird ein mittleres Wachstum von etwa 4 bis 8 Prozent prognostiziert. Zuwächse von über 10 Prozent dagegen sind für die kommenden Jahre in den osteuropäischen Ländern zu erwarten.

Beispiele für länderspezifische Anwendungsschwerpunkte sind Rohrleitungen und Behälter in den ehemaligen sowjetischen Staaten und in Ländern des Mittleren Ostens. In den skandinavischen Ländern spielen der Bootsbau sowie Rohrleitungen und Behälter mit jeweils etwa einem Drittel der Produktionsmenge eine große Rolle; in Finnland geht sogar über die Hälfte der GFK-Menge in die Bootsproduktion. In Frankreich entfallen fast 50 Prozent der Faserverbundkunststoffe auf SMC-/BMC-Teile, während die Schwerpunkte in Italien bei der Plattenproduktion liegen, gefolgt von Rohrleitungen und Behältern. Letztere stellen übrigens mit knapp 40 Prozent das Hauptanwendungsgebiet der spanischen Composites dar. In Deutschland dominieren der Automobil- und der Windenergiebereich. Ein stark steigender GFK-Anteil ist hierzulande bei Nutzfahrzeugen und Wohnmobilen zu verzeichnen.

Günstige Aussichten werden auch den mit Naturfasern verstärkten Kunststoffen sowie den sogenannten Wood-Plastics-Composites (WPC) bescheinigt. Hier sorge insbesondere der Aspekt der Energieeinsparung bei der Produktion und die damit einhergehende CO2-Reduktion für jährlich zweistelligen Wachstumsraten. Die wichtigsten Anwendungsgebiete sind die Automobilbranche, der Bau, Möbel sowie Industrie- und Konsumgüter. Das gesamteuropäische WPC-Marktvolumen wird für 2007 auf 120.000 Tonnen geschätzt. Anders als in gesättigten Märkten sei hier noch ein sprunghaftes Wachstum möglich. So stieg beispielsweise die WPC-Produktion in China wegen der Olympiabauten von 75.000 Tonnen in 2006 auf über 150.000 Tonnen in 2007. Anwendungen naturfaserverstärkter Kunststoffe im Automobilbereich stagnieren im deutschen Markt derzeit bei 30.000 Tonnen jährlich.

In seinem Plenarvortrag machte Witten auf einen nach wie vor bestehenden Engpass aufmerksam: Trotz gestiegener Produktionskapazitäten war die Nachfrage nach Kohlenstofffasern im Berichtszeitraum weiterhin viel größer als das Angebot. Die weltweite Jahreskapazität 2007 wird auf 55.000 Tonnen geschätzt. Die Anwendungen sind vielfältig und umfassen unter anderem den Sportbereich, die Windkraft, die Ölindustrie, den Automobil- und Transportsektor sowie das Bauwesen. Aktuelle Neuentwicklungen finden sich zum Beispiel bei der Herstellung von Wasserstofftanks. Hauptanwendung bleibe jedoch die Luftfahrt. Auch dann, wenn die Faserproduktion wie erwartet zweistellig zunimmt, ist zumindest mittelfristig mit weiteren Engpässen zu rechnen.

Blick in die Zukunft

Unabhängig von der eigenen Positionierung bestehen nach Einschätzung des AVK für alle Unternehmen der Wertschöpfungskette im Composites-Markt grundsätzliche Chancen wie auch Risiken für die Zukunft. Chancen ergeben sich aus dem Druck auf die Industrie, speziell zur Energie-, aber auch zur Kosteneinsparung immer leichtere Strukturen bei gleicher Festigkeit zu produzieren. Das nach wie vor hohe Automatisierungspotenzial vermehre die sich bietenden Chancen. Daneben biete die enorme Anwendungsvielfalt faserarmierter Polymere breiten Raum für eine Fülle von Produktinnovationen.

Die größten Risiken liegen andererseits in den Rohstoff-, Energie- und Transportkosten, dem mit der Globalisierung einhergehenden internationalen Wettbewerb sowie Anforderungen aus Regularien wie dem neuen europäischen Regelwerk REACh. Als Risiko muss ebenfalls die in den Entwicklungsabteilungen der Anwenderbranchen noch immer mangelhafte Akzeptanz von Faserverbundwerkstoffen eingestuft werden. Außerdem bringe die Abhängigkeit von den Abnehmerindustrien kleine und mittlere Zulieferunternehmen oft in Schwierigkeiten. Nicht zuletzt sei auch der Fachkräftemangel problematisch.

Nach den Beobachtungen des Verbands schrecken auch mittelgroße Unternehmen nicht vor Investitionen in weltweite Niederlassungen zurück. Eine weitere große Stärke sei das gerade für kleine und mittlere Unternehmen typische Innovationspotenzial – das allerdings häufig nicht genutzt werde. Zu den Schwächen der involvierten Unternehmen gehört die in den technisch fokussierten Betrieben häufig fehlende Marketing- und Vertriebsausrichtung. Auch die teilweise mangelhafte fachliche Qualifizierung von Mitarbeitern erschwere es, die sich bietenden Möglichkeiten wahrzunehmen.

„Aus der Gegenüberstellung von Markt-Chancen und -Risiken sowie betrieblichen Stärken und Schwächen lassen sich Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Zukunft ableiten. So kann beispielsweise bei einer Schwäche im Marketingbereich professionelle Unterstützung durch neue Mitarbeiter helfen, das Risiko fehlender Werkstoffakzeptanz bei den Entwicklern in eine Chance gegenüber dem Wettbewerb umzuwandeln“, gab Witten den Mitgliedern des Verbands als Leitfaden für die Gestaltung ihrer Zukunft denn auch mit auf den Weg.

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