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Wie bio ist Bio?

Nicht alle Erwartungen werden erfüllt
Dr. Sabine Lindner: „Der Begriff Biokunststoffe ist mehrdeutig…“
Vor dem Hintergrund steigender Preise für fossile Rohstoffe und der Klimadiskussion rücken nachwachsende Rohstoffe in den Fokus. Doch Nutzung und Produktion sind Grenzen gesetzt.



Bereits heute sei die chemische Industrie ein wichtiger Abnehmer nachwachsender Rohstoffe, weiß Dr. Sabine Lindner, Referentin im Geschäftsbereich Kunststoff und Verbraucher bei Plastics Europe Deutschland. Etwa 10 Prozent aller eingesetzten Rohstoffe in der chemischen Industrie seien nachwachsende Rohstoffe wie Stärke, Zucker, Cellulose und Öle, die die zur Verfügung stehende Rohstoffbasis für Dämmstoffe, Textilien, Schmierstoffe und biobasierte Kunststoffen verbreitern. Und auch der Einsatz biobasierter Rohstoffe zur Energieerzeugung und als Treibstoff erlebte in den letzten Jahren vor allem dank staatlicher Fördermaßnahmen einen wahren Boom. Weniger als 1 Prozent beträgt indes der Anteil nachwachsender Rohstoffe am gesamten Kunststoffverbrauch. Hier wird jedoch ein jährliches Wachstum von 20 Prozent prognostiziert.

Der Begriff „Biokunststoff“, erklärt die Biologin, sei jedoch mehrdeutig. Hier müsse hinsichtlich der Rohstoffbasis und der Funktionalität unterschieden werden. Denn bioabbaubare Kunststoffe können durchaus fossiler Natur sein und biobasierte Werkstoffe sind nicht, wie gern behauptet wird, wirklich klimaneutral.

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Das Wort „Bio“ mag vielerorts Erwartungen wecken. „Dennoch schneiden biobasierte Kunststoffe unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht grundsätzlich besser ab als ihre konventionelle Verwandtschaft“, weiß Lindner. Bei der Einschätzung der Nachhaltigkeit seien vielmehr konkrete produktbezogene Einzelfalluntersuchungen erforderlich. Zudem handele es sich auch bei nachwachsenden Rohstoffen um begrenzte Ressourcen. Allein durch den Bedarf an Anbauflächen entstünden Konkurrenzen mit der Nahrungs- und Futtermittelproduktion, mit bestehenden Ökosystemen, Naturschutzflächen und dem Ökolandbau. Ziel aller Aktivitäten, so Lindner, müsse daher die möglichst effiziente Bereitstellung und Verwendung von Biomasse sein.

Anstelle einer isolierten Betrachtung der verschiedenen Nutzungspfade (stofflich, treibstofflich, energetisch), so die Biologin weiter, sei ein Sektor übergreifender Plan notwendig. Und an Stelle einer nationalen Perspektive sollte aus Harmonisierungsgründen eine internationale, mindestens aber europäische Betrachtung treten. Die Politik sollte sich dabei auf das Setzen von Rahmenbedingungen beschränken, erklärt Lindner und meint damit die Felder Forschung und Entwicklung sowie den Abbau von Marktzugangshürden. Markteinführungsprogramme hingegen seien mit Vorsicht zu genießen. Quotenvorgaben für den Einsatz nachwachsender Rohstoffe seien ebenso wenig hilfreich wie die Besteuerung fossiler Rohstoffe.

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