Meinung

Gewissenhaft…

…drücke ich daheim die Zahnpastatube aus. Schließlich bin ich zum sorgfältigen Umgang mit Ressourcen erzogen worden – hätte ich als Grünen-Wähler oder Waldorfschüler formuliert. Man könnte es aber auch, ganz lebenspraktisch, einfach Sparsamkeit nennen. Wie auch immer, nun ist das Umweltthema ins Bad, das letzte biofreie Refugium des Haushalts, eingedrungen (einmal davon abgesehen dass der Essigreiniger beizeiten die Chemiekeule abgelöst hat). Denn die Zahnpastatube aus biologisch einwandfreiem Material ist da. Noch nicht bei mir, aber auf dem Markt. Sie soll sich künftig gegenüber all den Fläschchen, Spendern, Tiegeln und Flakons behaupten, deren Kosten dank gewaltiger Werbeausgaben zur Imagebildung eher selten in einem einigermaßen angemessenen Verhältnis zum Wert des Inhalts stehen. Was wir bisher davon gesehen haben, lässt auf keine optischen Schwächen im Vergleich zur üblichen Tube schließen.

Statt schnödem, in Tubenform gebrachtem Erdöl lacht uns nun also eine Verpackung aus nachwachsenden Rohstoffen entgegen, was den Begriff Bio rechtfertigen soll. Was besser ist, als die zweite denkbare Bio-Variante: Die kompostierbare Tube. Da hätte ich arge Bedenken, dass die sich schneller zersetzt, als der Inhalt verbraucht wird. Und meine Putzfrau kommt nur einmal die Woche.

Nun kann man beim Begriff Bio im Zusammenhang mit Kunststoffen geteilter Meinung sein. Schließlich gibt es durchaus Stimmen, die über einer ganzen Anzahl solcherart gelabelten und geadelten Produkten den Stab der Umweltstatistik brechen und eine eher kritische Ökobilanz eröffnen. Immerhin aber zeigt der Fall: Wir können auch anders. Nämlich ein Massenprodukt trotz seiner extremen Kostensensitivität in angemessener Qualität mit anderen Mitteln produzieren. Um wie viel einfacher muss das erst sein, wenn der finanzielle Spielraum ein Hauch größer ist? Womit wir beim Auto sind. OEMs und Zulieferer arbeiten schon seit Jahren an Lösungen, die einerseits umweltverträgliche Materialien in größerem Ausmaß ins Fahrzeug bringen, andererseits kostenmäßig wettbe-werbsfähig bleiben sollen. Ob der kompostierbaren Stoßfänger jemals kommt oder ob alle pflanzlichen Ressourcen künftig in Form von Bio-Treibstoff im Tank landen, ist ungewiss. Jedenfalls scheinen mir die bisher vorgestellten Lösungen, von einigen pfiffigen und innovativen Ausnahmen abgesehen, eher ein Nischendasein zu fristen und in dem einen oder anderen Fall die Feigenblatt-Rolle einzunehmen.

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Natürlich lasse ich mich gern belehren und werde mich während der VDI Tagung Automobilbau in Mannheim auch zum Thema Bio-Werkstoffe im Fahrzeug informieren. Wenn nicht hier, wo dann sollen die Werkstoffspezialisten und Verarbeiter zeigen, dass Bio tatsächlich Bio ist und was in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht machbar ist – über die Zahnpastatube hinaus.

Vielleicht sehen wir uns. Es sollte mich freuen.

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