Editorial

Eingetütet

Jute statt Plastik – dieser Sponti-Spruch zierte die Kondomautomaten der Studentenkneipen und Uni-Toiletten schon in den 60ern des vorherigen Jahrhunderts. Die mangelnde Bildung der Schmalspurliteraten – schließlich hätte es Jute statt Latex heißen müssen – ignorieren wir an dieser Stelle mal. Sei’s drum – spätestens seit Erstarken der Umweltbewegung ab Ende der 70er erlangte das Thema auf anderer Ebene Aktualität: Denn zu jedem ausgemusterten, demonstrierenden und/oder friedensbewegten grünen Bundeswehr-Parka gehörte eine Jutetasche mit selbiger Aufschrift. Seitdem schwallt die Diskussion um Sinn und Unsinn der Kunststofftragetasche – inzwischen geht mir übrigens auch die Plastetüte schmerzfrei über die Lippen – mehr oder weniger regelmäßig durch die Presse.

Jüngst sah sich einmal mehr, und das ganz ohne Sommerloch, der Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie (GKV) veranlasst, scharf zu protestieren gegen "die in Verbindung mit der Diskussion über die Verschmutzung der Meere mit Abfällen vorgebrachten Angriffe des Präsidenten des Umweltbundesamtes Flasbarth und der Partei Bündnis 90/Die Grünen auf die Tragetasche aus Kunststoff". Die sind aus Sicht des Verband-Geschäftsführers Dr. Oliver Möllenstädt weder nachvollziehbar noch sachgerecht.

Nun ist unstrittig, das auf den Weltmeeren immer wieder und verstärkt gewaltige Inseln aus Abfällen, vor allem Kunststoffen, gesichtet und an verschiedenen Gestaden angeschwemmt werden. Getränke- und andere Verpackungen bilden den weitaus überwiegenden Anteil dieser schwimmenden Deponien. Die Auswirkungen der sich teilweise zersetzenden Kunststoffe auf das ökologische Gefüge sind weitgehend ungeklärt. Fraglich ist allerdings, ob deutsche Verbraucher daran maßgeblichen Anteil haben und ob der mit Einführung einer Zwangsabgabe auf Einkaufstüten aus Kunststoff nennenswert sinken kann.

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Grundsätzlich schärft der Griff in den Geldbeutel das Umweltbewusstsein nachhaltiger als jedes Argument sagt uns die Erfahrung. Seit Einführung des Pfands auf Getränkeverpackungen sind die Autobahnböschungen erheblich sauberer, rund um die Fußballstadien haben sich die Flaschensammler etabliert. Abwegig ist der Gedanke an eine wie auch immer geartete Abgabe auf Plastiktaschen und dessen erzieherische Effekte also nicht. Abzulehnen ist aber ganz eindeutig eine Abgabe, die in irgendwelchen fach- und sachfremden Kanälen versickert. Zum einen funktionieren die Entsorgung und teilweise auch das Recycling von Kunststoffverpackungen in Deutschland weit überdurchschnittlich gut. Zum anderen dürfte kaum Interesse daran bestehen, weitere Bürokratie zu schaffen, um Regeln festzulegen, sie zu überwachen und die eingenommenen Gelder zu verwalten und zu verteilen. Sicher würde das willkommene Unterstellmöglichkeiten für übriggebliebene Politiker schaffen, das Abfallaufkommen aber kaum beeinflussen - und der volkswirtschaftliche Nutzen dürfte zumindest fraglich sein.

Meinolf Droege
Chefredakteur

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