Meinung

Zwei Blickwinkel: Messen – verzichtbar oder zeitgemäß?

Jeder kann sich nahezu jede Information zu jeder Zeit im Netz beschaffen – trotzdem boomen viele Industriemessen. Allerdings sind andere, einige einstmals sehr erfolgreiche, Messen in wenigen Jahren zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Dazu Beobachtungen aus zwei Blickwinkeln: Kollege Martin Schrüfer, Chefredakteur unserer Schwesterzeitschrift Materialfluss, hat sich die Logistikbranche etwas genauer angesehen, viele seiner Beobachtungen sind jedoch auf andere Branchen übertragbar.

Martin Schrüfer (Chefredakteur materialfluss) und Meinolf Droege (Chefredakteur Kunststoff Magazin) © WBM

Martin Schrüfer, Chefredakteur materialfluss:
In der Intralogistikbranche sind Messen noch unverzichtbarer Bestandteil in den Marketingaktivitäten der Unternehmen. Die Frage, ob sie noch zeitgemäß sind, lässt sich nicht so klar beantworten. Unter anderem, weil die Intralogistik längst zentraler ­Bestandteil von Industrie und Handel ist und nicht mehr ein lästiges Add-On. Dementsprechend drängen die Intralogistiker darauf, nicht mehr allein einen Beweis eigenen Könnens abzuliefern und dem Mitbewerber am Stand gegenüber zu zeigen, wo der Hammer hängt. Sie wollen dahin, wo ihre Kunden bereits sind.

Die Nabelschau gelingt seit vielen Jahren im Rahmen der Fachmesse LogiMAT vortrefflich, der Branchenevent entwickelte sich von der regionalen Leistungsschau zur aus allen Nähten platzenden Großmesse mit über 1.000 Ausstellern. Doch jetzt kommt es darauf an, wer den SSI Schäfers und Jungheinrichs die Anknüpfung an die Industrie bietet. Prädestiniert ist dafür eine Messe, die als Industriemesse ­firmiert: Die Hannover Messe versuchte 2018, den Intralogistik-Messekonkurrent CeMAT wieder an Bord zu holen - leider nicht integriert, sondern eher am Rande des Geschehens. Bei der nächsten Auflage im Jahr 2020, mutmaßen Kenner, wird die Intralogistik dort zeigen, dass sie eine Schnittstellenfunktion einnimmt.

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Finden Messeveranstalter also diesen Dreh, bleiben Messen auf lange Zeit für die Branche wesentlich. Denn machen wir uns nichts vor: Im Zeitalter von Internet, Virtual Reality und Co. kann sich der Interessierte nicht nur theoretisch auch anderweitig informieren als in einer Messehalle. Sieht er dort dagegen das große Ganze und nicht nur die Kugelschreiber und seines Lagerregallieferanten, wird er auch weiterhin kommen.

Meinolf Droege, Chefredakteur Kunststoff Magazin:
Messen sind ein Branchenkon­zentrat – oder auch Innovationskonzentrat. Meistens. Deshalb liebe ich gut gemachte Messen. Es gibt keine andere Möglichkeit, soviel Branchen-Know-how in so kurzer Zeit und mit so kurzen Wegen zu erleben, wie beim Besuch einer gut gemachten Messe. Die Betonung liegt auf gut. Zwischen Schrecken und Belustigung rangiert das Erinnern an die Bemühungen eines renommierten Messeveranstalters, das Thema Extrusion singulär, dafür aber in allen Aus­prägungen vorzustellen. Vom Kunststoff- über das Aluminiumprofil bis zur Nudelproduktion sollte das Spektrum reichen. Das Projekt ist verdientermaßen schon vor der Premiere an die Wand gefahren.

Andererseits erleben wir seit einigen Jahren in der Kunststoffbranche immer wieder Geburten von Kleinst- und Re­gionalmessen, mit bunten, aber kaum strukturierten Präsentationen einzelner Technologien und Produkte. Hier tummeln sich Händler und Handelsvertretungen, die, anders als Hersteller und Integratoren, meist einen nur beschränkten Blick auf Prozess- und Wertschöpfungsketten oder angrenzende Technologiefelder haben.

Solche Veranstaltungen brauche ich nicht. Nicht als Redakteur und nicht als Ingenieur. Als letzterer erwarte ich vom Besuch einer ­Industriemesse, dass mir Lösungen offeriert ­werden, keine Maschinensammlungen mit ­Preis­listen. Dazu bedarf es einer gewisse Größe, vor allem aber eines Konzepts. Komplette oder zumindest große Teile der Wertschöpfungskette zwischen Produktidee und Serienfertigung abzubilden ist das Erfolgsrezept. Das Netz sollte inzwischen den kostenträchtigen Messebesuch überflüssig gemacht haben. Weit gefehlt! Bei Investitionsgütern, oft spezifisch zugeschnitten, zählt noch immer der Blick ins Gesicht des (potentiellen) Partners. Auf Messen finde ich viele solcher Gesichter auf kurzen Wegen. Wenn sie gut gemacht sind.

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