Interview mit Philip O. Krahn

Meinolf Droege,

Hanseatisch und zukunftsgerichtet

Erstmals seit rund eineinhalb Jahren waren dank Fakuma wieder persönliche Begegnungen und Gespräche im größeren Umfeld möglich. Die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen der internationalen Werkstoffmärkte aus Anbietersicht bewerten zu lassen. Wie reagiert die Hamburger Otto Krahn Group, zu deren bekanntesten Unternehmen der Kunststoffdistributeur Albis gehört? Philip O.  Krahn, CEO der Holding der Gruppe, gab KM-Chefredakteur Meinolf Droege dazu Auskunft.

Philip O. Krahn berichtet über Organisation und Investition in turbulenten Zeiten. © Otto Krahn Group

Herr Krahn, in den letzten fast 20 Jahren hatte ich mehrfach Gelegenheit, die Unternehmenszentrale der Albis zu besuchen, das letzte Mal ist allerdings schon einige Zeit her. Neben aller Betriebsamkeit in Administration und Produktion lag immer auch ein Hauch gediegen hanseatische Kaufmannstradition in der Luft. Nun erreichen uns  – trotz der aktuellen Krise – in kurzen Abständen Presseinformationen über organisatorische Veränderungen. Erklären Sie es uns?
Philip O. Krahn: Hanseatisch sind und bleiben wir natürlich (lacht). Aber Albis ist 60 Jahre lang permanent gewachsen. Vor allem in den letzten zehn Jahren hat sich das nochmals massiv beschleunigt, umsatzmäßig, international und auch hinsichtlich der Breite des Produkt- und Dienstleistungsportfolios. Unsere Strukturen haben da nicht immer mitgehalten. Mit Ruhe und hanseatischer Weitsicht – um im Bild zu bleiben – haben wir deshalb schon 2017 sehr umfassende Neustrukturierungen in allen Bereichen geplant und ab Anfang 2018 umgesetzt. Auch wenn die Corona-Situation es uns nicht erleichtert hat, haben wir die planmäßig im Oktober 2020 abgeschlossen.

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Wie wirkt sich das auf die einzelnen Aktivitäten aus?
Philip O. Krahn: Am offensichtlichsten ist für unsere Kunden und Partner sicherlich die Re-Fokussierung der Albis auf das weltweite Distributionsgeschäft des breiten Portfolios an Kunststoffen unserer Partner. Die Produktion unserer Eigenmarken und die Entwicklung neuer Materialien haben wir in der neu gegründeten Mocom Compounds konzentriert. Als drittes Unternehmen ist ja schon seit einigen Jahren die Wipag mit im Boot, die sich vornehmlich mit Recyclingtechnologien beschäftigt. Auch der Chemie-Distributeur Krahn Chemie und unser Keramik-Spezialist Krahn Ceramics sind Teil der Gruppe. Alle Unternehmen profitieren von einer gesteigerten Fokussierung auf ihre Märkte und kürzeren Entscheidungswegen als bisher – zumal sie von etlichen administrativen Aufgaben entlastet wurden. Die finden sich nun in weiten Teilen in der Otto Krahn Group wieder, die als Holding fungiert. Sie legt die strategischen Leitplanken für die Unternehmen der Gruppe fest und fungiert gleichzeitig als Serviceprovider. Zudem unterstützt die Holding beim Erschließen von Geschäftsfeldern und hinterlegt die Planungen falls erforderlich mit entsprechenden Investitionen. Trotz der Fokussierung gibt es natürlich weiterhin eine enge Kooperation zwischen den Unternehmen, um vom Know-how und den Ressourcen gegenseitig zu profitieren.

Sie sprachen von „offensichtlichen“, also von außen erkennbaren Veränderungen. Was tut sich im Inneren?
Philip O. Krahn: Parallel zur Unternehmensorganisation treiben wir mit hohem Aufwand die Digitalisierung interner und externer Prozesse voran. Die Werkstoffbranche ist ja im Vergleich zu anderen Industrien häufig eher konservativ aufgestellt. Hier haben wir die Corona-Krise als Chance genutzt, gruppenweit Software und Hardware modernisiert und im Mai dieses Jahres live geschaltet. Dazu gehörte auch, Arbeitsplatzumgebungen und Arbeitsmodelle an die heutige Zeit anzupassen. Das macht uns ganz nebenbei noch attraktiver für jüngere Talente. Ebenso arbeiten wir intensiv an Digitalisierungsstrategien der externen Abläufe, beispielsweise in der weltweiten Logistik. Hier können Kunden bereits jetzt von Services profitieren, die in unserer Branche bisher unüblich sind.

Mocom Compounds konzentriert sich auf die Entwicklung und Produktion neuer und kundenspezifischer Werkstoffe. © Mocom

Ist vor diesem Hintergrund, den hohen Investitionen in Organisation und Technik und der weiter fortschreitenden Internationalisierung, die Form des familiengeführten Unternehmens noch zeitgemäß?
Philip O. Krahn: Gerade in der aktuellen Situation zeigt sich überdeutlich: Das langfristig orientierte Agieren und die extrem geringe Mitarbeiterfluktuation bieten sehr stabile Verhältnisse. In Krisen der Vergangenheit und auch in der aktuellen, in der von Corona und Materialmängeln geprägten Situation, konnten wir jeweils investieren, um uns zu stärken. Die generationenübergreifende Denkweise mit dem Bestreben, unseren Beitrag zu leisten, dass unsere Umwelt auch für unsere Kinder und Kindeskinder lebenswert ist, hat zudem früh dazu geführt, dass wir Nachhaltigkeit als einen zentralen Erfolgsfaktor in unserer Unternehmensstrategie verankert haben. Ich bin fest davon überzeugt, dass das auch zu der positiven Geschäftsentwicklung der jüngeren Vergangenheit beigetragen hat. Es schlägt sich für unsere Mitarbeiter, Kunden und Partner sichtbar in Zertifizierungen und einem der international führenden nachhaltigen Kunststoff-Portfolios nieder.

Die Krise hat bekanntermaßen die Abnehmermärkte weltweit verschoben. Wie stellt sich die Situation zurzeit für die Otto Krahn Group dar?
Philip O. Krahn: Schon in den letzten Jahren haben sich Absatzmärkte international für uns verändert. Darauf haben wir mit Einrichtung weiterer Vertriebseinheiten und auch Produktionsstätten reagiert. So haben wir in China Produktionskapazitäten von 40.000 Tonnen jährlich aufgebaut, von der wir heute sehr profitieren. Auch die Produktion in den USA hilft uns, die Versorgung unserer nationalen und internationalen Kundschaft weltweit auf hohem Service- und Qualitätsniveau sicherzustellen. Aktuell ist jedoch noch immer der europäische Markt der für uns größte, gefolgt von China und den USA.

Von den weltweiten Turbulenzen auf den Beschaffungs- und Vertriebswegen abgesehen: Was beschäftigt die Unternehmen der Otto Krahn Group derzeit am meisten?
Philip O. Krahn: Man muss kein Hellseher sein, um eine rasant weiter steigende Bedeutung nachhaltigerer Technologien zu prognostizieren. Die Öffentlichkeit fokussiert zwar meist die Verpackungsindustrie, aber die Innovationskraft der Automobilindustrie ist ungebrochen. Auch und besonders beim Einsatz hochspezialisierter Kunststoffe und dem Recycling. Closed-Loop-Anwendungen werden in den nächsten Jahren die Autohersteller und OEMs beschäftigen, und damit natürlich auch uns. Mit der seit einigen Jahren zur Gruppe gehörenden Wipag haben wir einen Know-how-Träger, der uns und unseren Kunden einen Vorsprung verschafft. Neben dem Karbon-Recycling ist hier auch das Recycling von Polyolefinen angesiedelt.

Wie sehen Sie unter dieser Voraussetzung die Anwendung von Bio-Compounds, also von Kunststoffen, die überwiegend oder komplett auf nachwachsenden Rohstoffen basieren und/oder kompostierbar sind?
Philip O. Krahn: Wir haben solche Materialien im Portfolio und auch Kunden, die diese Produkte schätzen. Aktuell lässt sich diese Gruppe gemessen am Umsatz aber noch als Nischenprodukt einordnen.

Albis Distribution fokussiert sich ausschließlich auf die in der früheren Albis angesiedelten Distributionsaktivitäten des Portfolios an Kunststoffen der Partner. © Albis

Zurück zur aktuellen Marktsituation mit ihren echten oder vorgeschobenen Force-majeure-Meldungen, Versorgungsengpässen, Preissprüngen vor allem nach oben und anderen Widrigkeiten. Wann wird sich die Lage wieder normalisieren – wenn man davon überhaupt reden kann?
Philip O. Krahn: Im Grunde haben wir seit der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 immer wieder Allokationen. Aktuell kumulieren allerdings die oft wenig planbaren Werkstoffströme und Kosten. Dank unserer internationalen Aufstellung sowie der oft jahrzehntelangen Beziehungen zu unseren Lieferanten haben wir das bis heute zumeist besser abfedern können als unsere Wettbewerber. Trotzdem gibt es auch bei uns Stress-Tests in Bezug auf Lieferengpässe bei vielen Basiswerkstoffen und Additiven. Auch Logistikprozesse und -kapazitäten sind nicht immer planbar. Das wirkt sich auf die Planbarkeit der Preise aus. Inzwischen werden sogar Glasfasern knapp. Dazu kommen die hohen Energiekosten. In der Summe müssen wir Teile der steigenden Kosten an die Kunden weitergeben. Ich gehe davon aus, dass wir mit dieser Situation noch bis weit ins kommende Jahr leben müssen.

Bleibt, wie in fast jedem Gespräch nach der Halbzeit der
Fakuma, die Frage: Wie laufen die Gespräche?
Philip O. Krahn: Wir sind sehr froh, dass es endlich wieder losgeht! Und wir sind positiv überrascht, dass es so voll ist. Wie für die Fakuma generell typisch, kommen viele Besucher mit sehr konkreten Fragen und Projekten auf unseren Stand. Übrigens ist das Motto der Messe zum Thema Nachhaltigkeit treffend gewählt: Die Kolleginnen und Kollegen berichten, dass sie sehr viele Fragen zu unserem nachhaltigen Produktportfolio erreichen. Wir setzen neben den Präsenzmessen seit vergangenem Jahr auch auf rein digitale Formate mit hochqualitativen Vorträgen zu speziellen Themen. Diese Mischung aus Präsenz- und Digitalformaten findet bei unseren Kunden großen Anklang.

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