„Hersteller aus Japan haben es hier schwerer“

Meinolf Droege,

Weltweiter Anbietermarkt der Kunststoffbranche in Bewegung

Seit rund 40 Jahren ist der 1922 gegründete japanische Konzern Asahi Kasei mit seinem Programm an Kunststoffen und Compounds auch auf dem europäischen Markt aktiv, seit 2016 mit der Europazentrale in Düsseldorf. Das Kunststoff Magazin hat nachgefragt, um eine Positionsbestimmung zu ermöglichen. Gesprächspartner waren Taku Ishida, General Manager der Engineering Plastics Division, und Heiko Rother, General Manager Business Development Automotive.

Heiko Rother, General Manager Business Development Automotive bei Asahi Kasei © Asahi Kasei

Herr Ishida, der Name Asahi Kasei geht trotz der schon langen Präsenz Ihres Unternehmens auf dem europäischen Markt vielen Verarbeitern nicht so leicht über die Lippen wie die großer Wettbewerber. Woran liegt’s?

Taku Ishida: Das stimmt. In Japan gehören wir zu den größten Chemieunternehmen – jeder kennt uns. Global gesehen allerdings, werden viele unserer Produkte unter Markennamen verkauft – der Bezug zu Asahi Kasei erschließt sich für viele Kunden daher nicht direkt. Dazu kommt das typische Understatement japanischer Unternehmen. Dennoch sind unsere Materialien fester Bestandteil von Produkten des täglichen Lebens und auch im Fahrzeug.

Der europäische Kunststoffmarkt ist sehr umkämpft, gerade auch von großen, lokalen Anbietern. Hersteller aus Japan haben es hier schwerer. Dennoch haben wir besonders in den letzten vier Jahrenviel erreicht, und wir sind davon überzeugt, dass unser Firmenname bald vielen Verarbeitern vertraut sein wird.

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Können Sie knapp die Größenordnung des Werkstoffsektors Ihres Unternehmens umreißen, speziell hinsichtlich der regionalen Verteilung der Umsätze?

Taku Ishida:Asahi Kasei hat ein umfangreiches Kunststoffportfolio – von Polyolefinen bis hin zu technischen Kunststoffen. In Europa konzentrieren wir uns bei unseren Aktivitäten auf die technischen Kunststoffe, unser PA 66 Leona, das Homo- und Copolymer-POM Tenac, den modifizierten Polyphenylenether (mPPE) Xyron und unser glasfaserverstärktes Polypropylen Thermylene. Bei diesen Produkten haben wir eine globale Kapazität von über 300 000 Tonnen. Besonders in Asien und in Nordamerika sind wir ein etablierter Anbieter. Was Europa betrifft, so sind wir mit einem Anteil von etwa 5 Prozent an unserem globalen Umsatz im Kunststoffbereich noch vergleichsweise klein, wachsen aber stetig. Durch die Gründung der Asahi Kasei Europe im Jahr 2016 und die Inbetriebnahme unseres Forschungs- und Entwicklungszentrums in Dormagen im Jahr 2017 haben wir unsere Präsenz auf dem europäischen Markt weiter gestärkt.

Verschiedene Pressemeldungen aus Ihrem Unternehmen berichteten über verstärkte Aktivitäten hinsichtlich Anwendungen im Fahrzeugbau, und hier speziell zum Innenraum. Wo sehen Sie Ihre Innovationsmöglichkeiten hinsichtlich der Technologien? Haben Sie hier Alleinstellungsmerkmale?

Heiko Rother: Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Automobilindustrie noch nie mit so vielen Herausforderungen gleichzeitig konfrontiert war. Die Antriebstechnologie ist eine davon, die sich ändernden Anforderungen an den Fahrzeuginnenraum eine andere. Als stark diversifiziertes Unternehmen bieten wir eine Vielfalt an innovativen Technologien und einen speziellen Produktmix von technischen Kunststoffen, Partikelschäumen, Beschichtungsmaterialien und synthetischem Kautschuk bis zu nachhaltigen Textilfasern und elektronischen Komponenten, zum Beispiel für erstklassige Hi-Fi-Audio- und Gassensorlösungen. Dieses Portfolio ermöglicht eine ganzheitliche Herangehensweise an die Probleme der Automobilhersteller und der Tier-1-Unternehmen, mit denen sie derzeit konfrontiert sind.

Bei der Entwicklung des Fahrzeuginnenraums gibt es derzeit sehr viel Dynamik. Mit der wachsenden Autonomie des Fahrzeugs werden die Fahrzeugnutzer mehr Zeit für Unterhaltung, Arbeit oder Entspannung haben. Auch die Wahrnehmung von Geräuschen und Gerüchen, sowie der Sinn für Ästhetik werden sich verändern. Als direkte Schnittstelle zu den Fahrzeuginsassen werden Oberflächenmaterialien eine wichtige Rolle spielen. Aber was will der Endkunde überhaupt? Um mehr hierüber zu erfahren, führten wir im Oktober 2019 eine repräsentative Umfrage durch, bei der insgesamt 1200 Fahrzeugnutzer in den vier europäischen Hauptautomobilmärkten befragt wurden.

Taku Ishida: Seit vielen Jahren schon werden Kunststoffe und Schaumstoffe als Metallersatz zur Gewichtseinsparung verwendet. Dies gilt natürlich nach wie vor, aber hinsichtlich ihrer Anwendung im künftigen Automobilinnenraum werden sie noch viele weitere Funktionen erfüllen. Dies war auch ein Hauptergebnis der Umfrage: Der Endkunde sieht einen klaren Nutzen in multifunktionalen Innenraumoberflächen, die seine Sinne ansprechen. Rund 52 Prozent der Befragten sehen einen Nutzen in lärmabsorbierenden Oberflächen, 45 Prozent in Oberflächen, die besonders hochwertig aussehen und sich gut anfühlen. UV-beständige Kunststoffe wie unsere semi-aromatische PA 6.6/6 mit einer Klasse-A-Oberfläche und ohne zusätzliche Beschichtung oder unser neu entwickelter Schaumstoff auf der Basis von Polyamid-Schaumstoffperlen mit geräuschdämpfenden Eigenschaften öffnen Türen für neue Anwendungen, erfüllen die oben genannten Kundenwünsche und können das gesamte Fahrerlebnis erheblich verbessern.

Heiko Rother: Ein weiteres Ergebnis war die steigende Bedeutung hygienischer Oberflächen im Fahrzeug: 60 Prozent der Befragten gaben an, dass sie großen Wert auf die Sauberkeit ihres eigenen Autos legen. Bezogen nur auf Car-Sharing Fahrzeuge war dieser Anteil mit 74 Prozent sogar noch höher. Jeder zweite Fahrzeugnutzer gab an, dass antibakterielle und geruchshemmende Oberflächen im Auto von Vorteil wären. Sogar wir waren über diese Größenordnung überrascht. Die Covid-19-Pandemie wird diesen Bedarf an hygienischen Fahrzeuginnenräumen sicherlich noch verstärken.

Welche weiteren Anwendungsbereiche im Fahrzeug sehen Sie für Ihre Kunststoffe? Welche anderen Industrien bedienen Sie noch?

Taku Ishida: Heiko erwähnte bereits die Antriebstechnologie als eine große Herausforderung für die Automobilindustrie. Asahi Kasei ist die Wiege der Lithium-Ionen-Batterie, und wir sind ein starker Befürworter dieser Technologie in ihrer automobilen Anwendung. Es ist jedoch offensichtlich, dass hier noch viele Probleme zu lösen sind, besonders in Bezug auf Sicherheit, Effizienz und Größe der Batterie und des Batteriesatzes. Hier kommen unser modifizierter Polyphenylenether (mPPE) Xyron und unser mPPE-Partikelschaumstoff Sunforce ins Spiel. Mit Blick auf die weitere Entwicklung von elektrischen Fahrzeugen arbeiten wir neben der Batterie an verschiedenen Lösungen zur Verbesserung von Gewicht und Effizienz der Fahrzeuge. Sicherlich kann oder sollte nicht jedes Metallteil durch Kunststoff ersetzt werden, aber wenn man die Anforderungen betrachtet, besteht hier noch enormes Potential.

Weitere Schwerpunktbereiche neben der Automobilindustrie sind für uns Umwelt und Energie. Beispielsweise haben wir in den letzten Jahrzehnten erfolgreich die Bereiche Wassermanagement und Photovoltaik in Europa erschlossen, und wir werden unser Angebot auch für diese Industrien kontinuierlich ausbauen.
Natürlich kommen wir nicht umhin, die aktuelle Weltmarktsituation anzusprechen. Welche Auswirkungen erwarten Sie für Asahi Kasei für das laufende Jahr in Europa und für das kommende Jahr?

Taku Ishida: Die durch Covid-19 ausgelöste Lage ist sehr dynamisch, und das macht es schwierig, einen verlässlichen Ausblick auf die kommenden Monate zu geben. Die Weltwirtschaft wurde hart getroffen, und es wird wichtig sein, auch die Auswirkungen der sich verschärfenden geopolitischen Friktionen zu beobachten. In diesen schwierigen Zeiten ist es für uns sehr wichtig, die Situation unserer Kunden genau zu beobachten und unser Geschäft entsprechend anzupassen. Im Hinblick auf unsere Entwicklungstätigkeit haben wir jedoch keinen Plan zur Verlangsamung. Wir werden unsere Maßnahmen fortsetzen, um unsere Lösung zum richtigen Zeitpunkt anbieten zu können.

Heiko Rother: Es gibt den schönen Spruch: „Deine wahren Freunde erkennst Du in schlechten Zeiten“. Asahi Kasei plant stets langfristig, immer mit Blick auf die Zukunft aber gleichzeitig auch auf die Herausforderungen von heute. Gerade in diesen schwierigen Zeiten stehen wir weiterhin in engem Kontakt mit unseren Kunden und Partnern und versuchen, mit ihnen gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

Asahi Kasei, www.asahi-kasei.eu

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