Marktchancen in den USA nutzen

Einstieg in den Kunststoff-Standort Amerika auch für Mittelständler

Mit Investitionen von derzeit etwa 260 Milliarden Dollar in den Vereinigten Staaten sind die USA das wichtigste Zielland für deutsche Unternehmen. Das entspricht etwa 28 Prozent aller deutschen Direktinvestitionen im Ausland (Quelle: Außenhandelskammern der USA). Laut der jüngsten Umfrage im World Business Outlook der Kammern sind die aktuelle Geschäftslage deutscher Unternehmen in Nordamerika und deren Erwartungen, die konjunkturellen Entwicklungen, die Investitionen und Beschäftigungslage besser als ein halbes Jahr zuvor.

Schlüsselbranche Kunststoff- und Gummi-Industrie – in Ohio gibt es 1800 Unternehmens-Niederlassungen der Kunststoff- und Gummi-Industrie, darunter auch Goodyear, Parker Hannifin, Polyone, PTI und Omnova, die hier ihren Hauptsitz haben. Über 68.500 Arbeitnehmer sind dort in diesem Industriezweig beschäftigt. Im Umkreis einer Lkw-Tagesreise liegen 60 Prozent aller US Fertigungsstätten (Bild: Jobsohio)

Wie können mittelständische Unternehmen der Kunststoffindustrie an diesen Marktchancen partizipieren? Welche Ansprechpartner gibt es für einen Markteintritt, nach welchen Kriterien soll man sich richten? Studien zeigen, dass mittelständische Unternehmen mit begrenzten Budgets und personellen Ressourcen die Erweiterung ins Ausland anders angehen und sich mehr Zeit lassen als Großunternehmen, die finanziell und personell großzügiger ausgestattet sind.

Es bietet sich an, einen Blick auf Ohio zu werfen. Das Land ist nach offiziellen Angaben Heimat für mehr als 1800 Unternehmensniederlassungen der Kunststoff- und Gummitechnik, darunter auch deutsche wie Covestro, Rheinchemie oder Röchling, sowie weitere Chemie-Unternehmen wie BASF, Henkel, Baerlocher und Schill und Seilacher. Unternehmen wie Goodyear, Parker Hannifin, Polyone und Omnova haben hier ihren Hauptsitz. Ins-gesamt sind in Ohio 68.500 Arbeitnehmer in der Kunststoff- und Gummi-Industrie beschäftigt.

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Das Unternehmen Röchling aus Mannheim, ein Kunststoffverarbeiter unter anderem für die Automobilindustrie, hat 2012 eine Niederlassung in Akron eröffnet und die Betriebsflächen seitdem bereits verdoppelt. 2015 baute Peter Cremer (PCNA) aus Hamburg, Anbieter u.a. von oleochemischen Produkten, seine Nordamerika-Niederlassung in Cincinnati für 9 Millionen Dollar aus und schuf damit 122 Arbeitsplätze. Seit 1999 in den USA, bietet PCNA zahlreiche Oleochemikalien: Fettalkohole, Fettsäuren, Biodiesel, Ester, Glycerine sowie Pflegeprodukte.

Zahlreiche Unternehmen unterhalten in Ohio ihre Forschungseinrichtungen, zum Beispiel Parker Hannifin mit dem Donald E. Washkewicz Polymer Innovation Center und Goodyear mit dem Akron University Goodyear Polymer Center. (Bild: Universität Akron)

Zentrale Kriterien für den Markteintritt
„Bei der Expansion in die USA sind von zahlreichen Kriterien vier besonders wichtig: Das wirtschaftliche Umfeld und die Rahmenbedingungen, Forschung und Human Resources, die Verkehrsanbindung sowie der Zugang zu günstigen Energie und Rohstoffen“, erklärt Glenn Richardson von der Wirtschaftsförderung Jobsohio, der Non-Profit-Organisation des Staates Ohio, die zusammen mit regionalen Netzwerkpartnern Unternehmen aus aller Welt bei Investitionsvorhaben unterstützt. Als Geschäftsführer Advanced Manufacturing and Aerospace habe er einen breiten Überblick über Bewertungskriterien für den Markteintritt: „Diese vier Kriterien verbinden Markt-, Personal- und Finanzaspekte, um das Geschäft zu entwickeln.“ Dazu kommen weitere standort- und wirtschaftspolitische Faktoren sowie das langfristige Investitionsklima im jeweiligen Bundesstaat.

Der Mittelstand lässt sich bei der Standortwahl oft durch bereits vorhandene Kunden in den USA leiten, es sei jedoch auch wichtig, auf die geografische Nähe zu Märkten zu achten. „Da die USA 26-mal größer sind als Deutschland, ist die Wahl des richtigen Standorts äußerst wichtig”, erklärt Richardson. „Kunden müssen auf wirtschaftliche Weise erreichbar sein – für Gespräche und hinsichtlich Logistik. Daher ist der schnelle Zugang zu Kunden und Industrien zentral.“ Ohio liegt strategisch günstig im industriereichen Mittleren Westen. Innerhalb einer Lkw-Tagesreise seien 60 Prozent aller US-Fertigungsstätten und 50 Prozent aller Konsumenten der USA zu erreichen, also etwa 160 Millionen Verbraucher. In diesem Radius liegt auch die am dichtesten besiedelte und industrialisierte Region Kanadas.

Glenn Richardson, Managing Director für Advanced Manufacturing und Aerospace bei der Non-profit Wirtschaftsförderung Jobsohio: „Die Wahl des richtigen Standorts ist in den USA von zentraler Bedeutung, da das Land 26-mal größer ist als Deutschland.“

Die Kunststoff- und Gummi-Industrie in Ohio konzentriert sich auf zwei Kernregionen: im Südwesten im Cincinnati-Dayton-Korridor sowie im Nordosten rund um die Städte Akron, Cleveland und Youngstown. Früher bekannt als „Rubber Capital of the World“ gelten die Stadt und die Region Akron mit ihrer Forschungsinfrastruktur seit Jahrzehnten als das Silicon Valley der Polymer- und Kunststoff-Industrie. Wo Cluster sind, ergeben sich kontinuierlich Chancen, Kooperationspartner zu finden, um das eigene Geschäft zu entwickeln oder Innovationen voran zu treiben.

Zu den Rahmenbedingungen zählen zum Beispiel auch Stabilitätsfaktoren wie das allgemeine Wirtschaftsklima und die Steuersituation. Ohio hat nach Regierungsangaben eines der Top-5-Geschäftsklimas der gesamten USA und einen ausgeglichenen Haushalt. Der Staat biete die geringste Steuerlast für Kapitalinvestitionen im Mittleren Westen und überaus unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen. Darüber hinaus ermöglichen Freihandelszonen eine dezidierte Investitions- und Steuerplanung.

Forschungs-Infrastruktur und Human Resources
In Ohio schaffen die 1800 Unternehmen der Kunststoff- und Gummi-Industrie zusammen mit der Cluster-Organisation Polymerohio sowie den Hochschulen ein Umfeld, das Forschung und Entwicklung von Polymeren vorantreibt. Jährlich werden in Ohio mehr als 10Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung investiert, unter anderem für elektronische Polymere, Biopolymere und Nanopolymere. Ein wichtiges Thema ist zum Beispiel die Optimierung der chemischen und elektrischen Eigenschaften der Polymere hinsichtlich Produktherstellung.

Qualifiziertes Personal – mit mehr als 200 Universitäten und 11.700 Absolventen der Ingenieursstudiengänge pro Jahr bietet Ohio Zugang zu qualifiziertem Personal.

Zahlreiche Unternehmen unterhalten hier ihre Forschungseinrichtungen, etwa Parker Hannifin mit dem Donald E. Washkewicz Polymer Innovation Center oder Goodyear mit dem Akron University Goodyear Polymer Center. Acht Hochschulen in Ohio bieten Polymer- und Kunststoff-Studiengänge an, darunter die Universität von Akron. Mit über 200 Universitäten und mehr als 11.700 Absolventen der Ingenieursstudiengänge pro Jahr bietet Ohio Zugang zu qualifiziertem Personal.

Energieintensive Branchen wie die Chemie und speziell die Polymer-Industrie profitieren in den USA von niedrigen Energiekosten durch Schiefergas, u.a. für die Produktion von Ethylen. Ohio verfügt über große Schiefergas- und Nassgas-Vorkommen in den Gebieten Utica und Marcellus, die in den vergangenen Jahren sukzessive er-schlossen wurden. PTTGC America, die US-Niederlassung von PTT Global Chemical, prüft zur Zeit einen petrochemischen Komplex von Weltrang in Belmont County, Ohio, zu errichten.

Markteintritt leicht gemacht
In den USA sind die Wirtschaftsförderungen der Bundesstaaten sowie die Handels-kammern wichtige Partner für Industrieansiedlung und Unternehmenserweiterungen. Anders als in Deutschland ist die Mitgliedschaft in den Handelskammern freiwillig. Sind Unternehmen dort Mitglied, beteiligen sie sich oft auch aktiv an der Gestaltung der lokalen Business Community und unterstützen die Wirtschaftsförderungen mit ihrem Know-how. Deshalb ist es für deutsche Unternehmen wichtig, in der Informations- sowie Markteinstiegsphase auf die Leistungsfähigkeit der Handelskammer ihrer Wahl zu achten. Die angebotenen Leistungen und kostenfreien Services unterscheiden sich in den Bundesstaaten und Regionen erheblich voneinander.

Glenn Richardson erläutert das Leistungsspektrum der bundesstaatlichen Non-profit-Wirtschaftsförderung Jobsohio: „Wir stellen den Unternehmen erfahrene Expertenteams zur Seite, die während des Investitionsprozesses enge Vernetzung zu Branchenkontakten und Spezialisten wie Anwälten, Steuerberatern, Energieversorgern oder lokalen Behörden bieten. Jobsohio vermittelt auch verschiedene Förder- und Incentive-Programme, immer angepasst an die Bedürfnisse der Unternehmen.“ Dar-über hinaus unterstützt die Wirtschaftsförderung bei Marktrecherchen und der Suche nach den richtigen Gebäuden oder Grundstücken.

In Ohio ist die gesamte Wertschöpfungskette für carbonfaserverstärkte Kunststoffe abgebildet – vom Ausgangstoff, über Produktion, Komposite und Endanwendungen, inklusive Zugang zu günstiger Energie sowie Fertigungsinfrastruktur. Carbonfaser als Werkstoff revolutioniert den Leichtbau und hat zweistellige Wachstumsraten. Sein Einsatz ist vielfältig; momentan sind Automobil- und Flugzeuganwendungen die bekanntesten. Mit den Industrien und Forschung im Umland und dem industriereichen Mittleren Westen im Umfeld, sind Unternehmen in Ohio somit auch für die Zukunft gut aufgestellt.

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