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Wozu gebrauchte PET-Flaschen auch taugen

Ein Schweizer Ingenieur hat sich eine lachhaft simple Methode ausgedacht, wie man verschmutztes Wasser desinfizieren kann: Das Wasser in eine PET-Flasche füllen und diese dann sechs Stunden in der Sonne liegen lassen.
In der Regel werden die leer getrunkenen und dann ausrangierten Polyesterflaschen gesammelt und recycelt. Aus dem gewonnenen Regranulat werden im zweiten Leben der Flasche vielleicht Verpackungsbänder oder die Innenschichten von Verbundfolien. In Kibera, in einem der großen Slums von Kenias Hauptstadt Nairobi, benutzt man die gebrauchten PET-Flaschen, um sie auf dern Dächern der elenden Hütten in die Sonne zu legen. Darin das von allen möglichen Krankheitserregern strotzende Wasser, das einzige und total verschmutzte Wasser, das hier zu haben ist. Es ist eine winzige Chance gegen die grassierenden Durchfallerkrankungen, die viele Kinder nicht überleben. Jede Familie in Kibera hat auf diese Art schon mindestens ein Kind verloren.
Der Tod im Wasser - die Vereinten Nationen schätzen, dass jedes Jahr rund zwei Millionen Kinder an Durchfallerkrankungen sterben. In den meisten Fällen verursacht durch verseuchtes Wasser, das von den Kindern getrunken wird, obwohl es nie hätte getrunken werden dürfen. So kann jedes Glas des verschmutzten Wassers für die Kinder den Tod bedeuten. Die Bilanz ist erschreckend. Doch die Katastrophe ist vorprogrammiert: Über 2,6 Milliarden Menschen auf dieser Erde verrichten ihre Notdurft im Freien. Mehr als eine Milliarde trinken aus verschmutzten Flüssen, aus verdreckten Seen und Brunnen. Weltweit werden nur zehn Prozent aller Abwässer geklärt. In Nairobis Slumviertel Kibera wird noch nicht einmal ein einziges Prozent des anfallenden Abwasser geklärt.
Das sind die wenig erfreulichen Fakten, die auch der Schweizer Bauingenieur Martin Wegelin, 59, kennt. Aber er will sich damit nicht abfinden. Wegelin, der an der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz im schweizerischen Kanton Zürich arbeitet, will helfen. Er hat eine Mission, wie das Nachrichtenmagazin ¿Der Spiegel" in seiner Ausgabe 29/2007 berichtet. Dort schreibt die Journalistin Samika Shafi, wie der Schweizer Techniker den Ärmsten dieser Welt zu sauberen Wasser und den Kindern zu einem längeren Leben verhelfen will.
Wegelin hat eine Methode entwickelt, um sehr effektiv und sofort helfen zu können. Er will nicht warten, bis korrupte Regierungen und unfähige Behörden in hygienische Brunnen, Toiletten, Kläranlagen und die ganze teure Infrastruktur investieren. Sein System ist bestechend einfach, absolut preiswert und heißt ¿solare Wasserdesinfektion" (Sodis). Es besteht aus transparenten Kunststoffflaschen, in die verseuchtes Wasser gefüllt wird, um sie dann in die Sonne zu legen. Bei Sonnenschein müssen die Plastikbuddeln sechs Stunden der Sonne ausgesetzt sein und der Inhalt belichtet werden, bei bedecktem Himmel zwei Tage. So lange würde es dauern, bis die UV-Strahlung und Wärme die Erreger von Krankheiten wie Cholera, Ruhr, Hepatitis und Typhus abgetötet haben.
Der Schweizer ¿Missionar" hat inzwischen Mikrobiologen und andere Experten animiert, die Wirksamkeit seines Verfahrens im Labor zu überprüfen. Er hat gezeigt, dass die Häufigkeit von Durchfallerkrankungen um 30 bis 50 Prozent abnimmt, wenn die Leute ihre Wasserflaschen in die Sonne legen. Und er hat einen Riesenerfolg erzielt, denn seit 2001 empfiehlt die Weltgesundheitsbehörde WHO seine Methode Sodis als geeigneten Weg zur Desinfektion von Trinkwasser.
Aber Martin Wegelins Freude über den Triumph hält sich in Grenzen. Er weiß, dass ein ¿Megaclub" wie die Uno für ein Projekt wie Sodis nur Geringschätzung übrig hat. Eine Aktion wie die des Schweizer gilt in Kreisen der in Kenia ansässigen Umweltbehörde als ¿Micky-Maus-Projekt". Und manchmal fehlen den Leuten in den Slums schlichtweg auch die Flaschen aus dem durchsichtigen Kunststoff PET. Denn in den Geschäften und Hotels werden die gebrauchten Gebinde akribisch gesammelt, um sie dann zum Recycling nach China zu verfrachten.

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