Diese Seite empfehlen:
An (E-Mail Adresse des Empfängers)
Ihr Name (Optional)
Von (Ihre E-Mail Adresse)
Nachricht (Optional)
Datenschutz-Hinweis: Die Mailadressen werden von uns weder gespeichert noch an Dritte weitergegeben. Sie werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet.

Spezial 50 Jahre Kunststoff Magazin

Was kommt – was bleibt

„Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“, soll der dänische Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr dem mehr oder weniger geneigten Publikum auf weniger intelligente Fragen geantwortet haben. Recht hat er, und so sind auch Spekulationen über Leistungen und Stellung der Kunststoffbranche in den nächsten Jahren gewagt.

Ulrich Ebert, studierter Physiker und damit eine Art Bruder im Geiste von Niels Bohr, kann sich vorstellen, „dass die Häuser des Jahres 2050 so intelligent gebaut sein werden, dass sie kaum noch Bedarf an zusätzlicher Wärme haben. In ihrem Innern gibt es Lichthimmel und transparente Lichtwände aus leuchtenden Kunststoffen sowie wandfüllende Displays, die auf Sprach- oder Gestikbefehle die dreidimensionale Welt des neuen Internets eröffnen. 3D-Spielfilme sind selbstverständlich, ebenso wie virtuelle Kaufhausbummel, Museumsbesuche oder Fantasy-Spielewelten – so real, als wäre man vor Ort. Universitäten bieten weltweites Lernen an: am Vormittag eine Vorlesung in Tokio, am Abend ein Seminar in Harvard – mit dem Internet von morgen kein Problem.

Von den neun Milliarden Menschen des Jahres 2050 werden 6,5 Milliarden in Städten leben – fast so viele wie heute auf der ganzen Erde. Um die Städte lebenswert zu machen, wird man ganz neue Wege beschreiten müssen: Wolkenkratzer werden zu vertikalen Bauernhöfen. T-Shirts, Verpackungen und Geräte aller Art werden kompostierbar oder so gestaltet, dass sie keine Abfälle, sondern neue Rohstoffe liefern. Blinde lernen dank Mikrochips wieder sehen und Gelähmte wieder gehen. Winzige Sensoren werden, beispielsweise in Form eines Ohrsteckers, die Blutwerte im Körper checken und nach vagabundierenden Krebszellen suchen – damit die Ärzte des Jahres 2050 schnell eingreifen können, wenn Infektionen, Krebserkrankungen oder Herz-Kreislauf-Probleme drohen. Viele 100-jährige werden dann so fit sein wie 70-jährige heute.“ Für alle diese Technologien braucht es intelligente Materialkonzepte, die das weitere Zusammenwachsen von Design und Technik, die Integration von formgebenden und technischen Funktionen erlauben. Sicher scheint, dass Kunststoffe „leitende“ Funktionen übernehmen werden, vermehrt Wärme, elektrischen Strom und Daten übertragen, vielleicht ohne dafür getrennte Leistungswege bereitstellen zu müssen.

Anzeige

In allen diesen Anwendungen – Internet-Devices, medizintechnische Systeme, Beleuchtungstechnik – spielen Kunststoffe schon heute die herausragende Rolle, wenn neue Lösungen zu realisieren sind. Sie definieren weitgehend den Wirkungsgrad, die Attraktivität, den Markterfolg. Das lässt den Schluss zu, dass diese Werkstoffgruppe – sicher in veränderter Form – auch die Welt im Jahr 2050 prägen wird. Vielleicht sogar noch mehr als heute schon.

Allerdings sieht Ulrich Ebert viel Raum für Überraschungen, ganz im Sinne von Niels Bohr, und wirft einen Blick zurück. „Das Jahr 2050 ist von heute etwa so weit entfernt wie das Jahr 1970. Was hatten Zukunftsforscher 1970 nicht alles vorhergesagt: In der beliebten Jugendbuchreihe ,Das Neue Universum‘ wimmelte es von gigantischen Metropolen mit Wohnzellen aus Kunststoff, Laufbändern für Fußgänger, atomgetriebenen Tragflächenbooten und Rohrpostanlagen, die Menschen in Druckkabinen mit bis zu 600 Kilometern pro Stunde befördern. Noch vor dem Jahr 2000 sollten Industriestädte unter dem Meer errichtet werden, mit Ozeanauten, die nach Erz schürfen.“ Diese futuristischen Erwartungen, die zum großen Teil auf der Vorstellung vom Einsatz von Kunststoffen als Lösung für viele Probleme basierten, wurden nicht erfüllt. Immerhin geisterte die Vision der „Rohrpostanlagen für Passagiere“ erneut Anfang August 2013 – aktuell unter dem Projektnamen Hyperloop – durch die Medienlandschaft: Die erwartete Geschwindigkeit hat sich inzwischen auf mehr als 1200 Kilometer pro Stunde verdoppelt.

Fraglich ist, ob uns Kunststoffe in den heute bekannten und weiter entwickelten Formen in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen. Dass die Ölvorräte der Erde trotz massiv gestiegenen Verbrauchs als Energieträger – und als Rohstoff für die Kunststoffproduktion – länger reichen als prognostiziert, ist inzwischen klar. Das während der ersten Ölkrise im Jahr 1973 gebetsmühlenartig von Medien und den von den Medien benannten „Fachleuten“ wiederholte „Die Vorräte werden in den nächsten dreißig bis vierzig Jahren aufgebraucht sein“ ist ebenso wenig Realität geworden, wie die Rohrpost für Passagiere. Trotzdem ist die Nutzung der Petrochemie in der heutigen Form endlich.

Aufbereitung von Kunststoffen in mit Neuware vergleichbaren Qualitäten findet beispielsweise bei Getränkeverpackungen punktuell bereits statt. Das wird ausgebaut werden. Andere Rohstoffe als Öl werden neue Rohstoffbasen bilden. Gasförmige Ausgangsstoffe aus der Atmosphäre und dem Erdinneren können angezapft werden.

Vorausgesetzt wir schaffen es, Kunststoffe, wie immer dieser Begriff in vierzig Jahren zu definieren sein wird, in ausreichender Menge verfügbar zu haben, ist die Frage nach deren Nutzung spannend. Die führt schon heute zumindest in den reicheren Regionen der Welt zum Wunsch nach Individualisierung einerseits und der schnellen, kostengünstigen Verfügbarkeit auf der anderen Seite. Einzelfertigung ist das Thema der generativen Verfahren. Jedes einzelne Bauteil oder auch eine ganze Baugruppe entsteht als Einzelstück genau dann, wenn es benötigt wird. Gemessen an der Gesamtproduktion der Kunststofftechnik erreichen die generativen Verfahren heute noch einen kaum zu beziffernden Anteil. In der Medizintechnik ist das Verfahren bereits etabliert. Und dessen Leistungsfähigkeit wurde Anfang 2013 leider eindrucksvoll bewiesen, weil es Laien gelang, eine zumindest eingeschränkt funktionsfähige Schusswaffe komplett im Lasersinterverfahren zu produzieren. Anlagengrößen und Produktionsgeschwindigkeiten werden schnell wachsen, Technologie und eingesetzte Werkstoffe noch mehr Variabilität zulassen. Betrachtet man die Innovationsgeschwindigkeit reiferer Verfahren wie das Spritzgießen, kann man wohl von einer Leistungsverdopplung alle drei bis fünf Jahre bei ausgehen.

Jeder Verbraucher baut sich seine Kaffeekanne – bitte wahlweise einsetzen: Gartenstuhl, Trainingsschuh, Fotoapparat – wenn die/der alte kaputt oder der Wunsch nach Neuem besteht. Im Stil von Copyshops stehen an jeder zweiten Straßenecke Dienstleister bereit, die aus einer Auswahl an Basiswerkstoffen jedes beliebige Produkt aus einem Datensatz generieren. Die eigentliche Handelsware ist nicht mehr das Produkt, sondern eine Datei, an der mehr man dauerhafte oder temporäre Rechte erwirbt und die man – eventuell nach eigenen individualisierenden Eingriffen – bedarfsweise an einen solchen Dienstleister überträgt. Damit ist auch sichergestellt, dass Google – wahlweise: NSA, BND, die gesamte Werbewirtschaft des Globus’ – weiß, ob sie eher der sportliche Typ oder ein Genussmensch sind.

Die heute meist zwei Mal tägliche Belieferung von Autowerkstätten – einen enormer logistischen Kraftakt mit großen und kostenträchtigen Lägern und inakzeptablem Verbrauch von Ressourcen – kann weitgehend entfallen. Die Werkstätten bauen sich die benötigten Ersatzteile selbst. Während das defekte Teil ausgebaut wird, brutzelt die Sinteranlage nebenan bereits den Ersatz. Kleinere Sinteranlagen werden nach Bedarf in größeren gebaut. Die Verfügbarkeit von Kunststoffen mit exakt den benötigten Eigenschaften ist ein Schlüssel für solche Konzepte. Dazu wird die klassische Trennung von Metallen und Kunststoffen aufgehoben. Hybride Bauteile, Verbindungen aus Metall- und Kunststoffkomponenten werden ersetzt durch reine Kunststoffkomponenten, die Funktionen aus beiden Welten zusammenführen. Die Entwicklung ist bereits im Gange, sie wird sich noch beschleunigen.

„Spinnerte“ Ideen. Ja, teilweise. Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt und wird sich in der Zukunft bestätigen, dass nicht zwingend der Besitz von Rohstoffen der einzige Weg zum Erfolg ist. Es bleibt die Erkenntnis, dass Ideen und Einfallsreichtum unsere größte und wichtigste Ressource bilden.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

Wolfgang Oehm

Macher sind gefragt

Energieeffizienz – dieses Schlagwort fehlt in kaum einer Maschinenpräsentation und in keinem Vortrag zur wirtschaftlichen Lage der K-Branche. Genau dieses Thema eignet sich bestens zur Demonstration dafür, wie Innovationen in der Kunststoffindustrie...

mehr...

Dr. Werner Wittmann

Handeln im größeren Maßstab

In der Kunststoffbranche gibt es schon so lange wir uns darin bewegen, und das ist immerhin schon seit 1976 der Fall, einen außergewöhnlich hohen Anteil kleinerer und mittlerer Firmen, die meist auf einer oder mehreren guten Produktideen basieren.

mehr...
Anzeige

Paul Eberhard Schall

50 Jahre Kunststofftechnik

Lässt man die vergangenen 50 Jahre in der Kunststofftechnik Revue passieren, ist zunächst festzuhalten, dass heute ohne Kunststoffe gar nichts mehr geht! Moderne, gewichtssparende Materialien, tiefgehende Funktionsintegration, Miniaturisierung von...

mehr...