Interview

Recycling und Nachhaltigkeit – Markt in Bewegung

Zur K 2019 überstrahlte das Thema Nachhaltigkeit die Präsentationen und Diskussionen. Was ist davon übrig geblieben im Alltag der Werkstoffproduktion und -distribution? Wir haben unsere Fragen gerichtet an Philip O. Krahn, CEO bei Albis, und Bernd Sparenberg, Vice President Technical Compounds bei der Albis.

Der Anteil nachhaltigerer Werkstoffe steigt in der Albis-eigenen Produktion ebenso wie im Distributionsgeschäft. Dabei spielt das Recycling-Know-how eine maßgebliche Rolle. © Albis

Zur K2019 brachte Wipag erstmals den Begriff "Recycling-as-a-Service, kurz: RaaS" in die Diskussion. Was steht hinter diesem Begriff?
P. Krahn: Recycling-as-a-Service ist eine wichtige Ergänzung unseres Portfolios aus "grünen" Dienstleistungen und Produkten, mit dem wir dem zunehmenden Kosten- und Umweltbewusstsein unserer Kunden Rechnung tragen. Den Begriff haben wir uns auch als Kürzel RaaS als Marke schützen lassen.
B. Sparenberg: Der Kunde stellt uns zunächst systemische, post-industrielle Abfallmengen bereit. Die Wipag übernimmt das Material, führt die gemeinsam individuell vereinbarten Aufbereitungsschritte durch, und das Material kommt in der Regel in der gleichen Anwendung wieder zum Einsatz. Der Kreislauf ist also geschlossen, closed loop. Der Kunde bleibt dabei zu jeder Zeit Eigentümer des Materials.

Wo sehen Sie aktuell den größten Bedarf im Markt?
P. Krahn: Sicherlich liegt ein Schwerpunkt in der Automobilindus­trie. Wir arbeiten hier bereits erfolgreich mit renommierten Marken zusammen. Das Verfahren macht aber branchenübergreifend Sinn. Es lohnt sich für jeden Betrieb in dem signifikante Abfallströme anfallen mit zum Beispiel lackierten oder 2K-Bauteilen.

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Wen sehen Sie als potenziellen, typischen Kunden für diese Leistungen?
B. Sparenberg: Der entscheidende Vorteil von RaaS besteht ja darin, dass der Kunde Kosten in zweifacher Hinsicht einsparen kann. Zunächst entstehen für ihn keine Entsorgungskosten für die betroffenen Abfallmengen. Und die Servicegebühr für das aufgearbeitete Recyclingmaterial fällt in der Regel niedriger aus als ein entsprechendes Prime-Produkt. Angenehmer Nebeneffekt: Über den Recyclinganteil wird der Carbon- beziehungsweise der CO2-Fußabdruck verringert, was bei vielen OEMs zunehmend an Bedeutung gewinnt und der Umwelt hilft. Ich denke, das sind Argumente, die zunächst einmal für jeden Unternehmer relevant sind.

CEO Philip O. Krahn hat bereits in den letzten Jahren auf den Ausbau des Anteils an Produkten auf Basis von Rezyklat und nachwachsenden Rohstoffen gesetzt. © Albis

Sind Ihrer Meinung nach die aktuellen technischen Möglichkeiten einzelner Recyclingmaßnahmen ausreichend bekannt?
B. Sparenberg: Da ist sicher noch Luft nach oben. Wir gehen aber davon aus, dass die Nachfrage nach Dienstleistungen wie RaaS stark ansteigen wird. Dafür sehen wir derzeit schon viele Signale am Markt.

Haben Sie konkrete Beispiele?
B. Sparenberg: Ja, seit der K haben uns eine Reihe von Firmen auf das Thema RaaS angesprochen, und wir haben mittlerweile erste Projekte angeschoben. Beispielsweise diskutieren wir mit einem Kunden ganz konkret die Aufarbeitung von 2K-Komponenten, die im Motorraum verbaut werden. Aber auch auf politischer und legislativer Ebene muss die Entwicklung weitergehen. Ein gutes Beispiel dafür ist die "Circular Cars Initiative", die unter anderem vom World Economic Forum und von Climate-KIC, einer EU-Organisation, gestartet und vorangetrieben wird. Eines der Ziele besteht darin, unter Beteiligung von Unternehmen aus der Wertschöpfungskette der Automobilindustrie Leitplanken zu setzen, um die materialseitige Wiederverwertung von End-of-Life-Vehicles zu befördern.

Welche Werkstoffmengen recyceln Sie aktuell und mit welchen Mengen rechnen Sie aus dem neuen Angebot?
P. Krahn: Über 25 000 Tonnen jährlich. Einen großen Anteil daran tragen unsere Produkte Altech Eco und Altech IQ, hauptsächlich PA, PP und PC. Aber auch Wipelast (PP+EPDM), Wipaflex (PP+PE+EPDM) und Closed Loop, also RaaS, haben ihren Anteil.
B. Sparenberg: Was RaaS betrifft, ist es insgesamt aktuell noch schwer abzuschätzen. Wir beobachten ein hohes Kundeninteresse und gehen davon aus, dass ein Potenzial von etwa 10 000 Tonnen in den nächsten fünf Jahren erreichbar ist.

Bernd Sparenberg ist Vice President Technical Compounds bei der Albis und registriert Veränderungen im Markt; beispielsweise fragen Kunden vermehrt neben der technischen Spezifikation und dem Preis auch den CO2-Fußabdruck an. © Albis

Können Sie uns etwas zu den Kosten verschiedener Werkstofftypen im Vergleich zu Neuware sagen? Wie schätzen Sie die Entwicklung der nächsten Monate ein?
P. Krahn: Der Preisvorteil von Recycling-Produkten gegenüber Prime im B2B-Markt ist nach wie vor ein wichtiges Kriterium. Aber das Thema Nachhaltigkeit spielt bei unseren Kunden eine zunehmend wichtigere Rolle, das heißt, Produkte mit einem verbesserten CO2-Fußabdruck und mit hochwertiger "Near-to-Prime"-Qualität werden immer stärker nachgefragt.

Wie groß sind die CO2-Einsparungen bei der Verwendung von Recyclingkunststoffen gegenüber von Prime-Materialien?
Bernd Sparenberg: Wir haben das von einem externen Institut ausrechnen lassen. Und zwar hat das süddeutsche Kunststoffzentrum SKZ im Rahmen einer Studie mit Altech ECO PA6 / PA66 eine Ersparnis von rund 11 Kilogramm CO2e (CO2 Emission) pro Kilo Compound im Vergleich zu einem adäquaten Prime Compound errechnet. Das ist enorm, gerade wenn man diese Ersparnis auf die Gesamtproduktionsmengen hochrechnet.

Spielt das bei den Kunden und der Projektvergabe heute eine Rolle?
B. Sparenberg: Wir bekommen bereits heute sogenannte RfQ´s, die neben der technischen Spezifikation und dem Preis auch den CO2-Fußabdruck anfragen. Außerdem haben wir Kunden, die davon ausgehen, dass es in der Zukunft eine steigende CO2-Bepreisung geben wird, und sich Prime Produkte damit verteuern. Sie wollen daher bereits jetzt Alternativen mit Rezyklatanteil freiprüfen lassen. Die Audi-Vertriebschefin Hildegard Wortmann hat auf der letzten Bits & Pretzels, einer Start-up-Messe, gesagt, dass auch der Automobilgigant sich verändern und einen gesellschaftlichen Beitrag leisten muss. Nachhaltigkeit sei kein Trend, sondern bleibe. Dieser Einschätzung schließen wir uns an. Die politischen und gesellschaftlichen Zeichen sind da unmissverständlich und die Wirtschaft muss sich darauf einstellen.

Recycling-as-a-Service (RaaS©) – für das Recycling von Pkw-Stoßfängern hat der Kunde die erforderlichen und gewünschten Schritte gemeinsam mit Wipag definiert. © Wipag

Alternativ - oder vielleicht komplementär - zu ihren Recycling­angeboten liefert und produziert die Wipag-Muttergesellschaft Albis eigene Recyclingwerkstoffe. Wie entwickeln sich die Märkte für diese Werkstoffe?
P. Krahn: Nun, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung am Markt derzeit einmal außen vor gelassen, haben wir in den vergangenen Jahren tendenziell eine stetig steigende Nachfrage gesehen. Deswegen haben wir den Anteil an unserem Portfolio an Produkten auf Basis von Rezyklat und nachwachsenden Rohstoffen stetig ausgebaut.

Welche Aktivitäten entwickelt Albis hier aktuell bei Distributionsprodukten?
P. Krahn: Der größer werdende Anteil am Portfolio betrifft sowohl unsere eigenen Compounds als auch die Produkte unserer langjährigen strategischen Partner. Im jüngeren Zeitraum sind zum Beispiel Eastmans Treva, Lyondell Basells Circulen und Ineos' Terluran dazugekommen.
Abschließend der unvermeidliche Blick auf die allgemeine Marktlage in Deutschland und weltweit.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der nächsten zwölf Monate ein?
P. Krahn: Eine Antwort auf diese Frage scheint zurzeit dem sprichwörtlichen Blick in die Glaskugel zu gleichen. … im Ernst, in meinem Umfeld nehme ich zwar die Einschätzung wahr, dass nicht mit einer signifikanten weiteren Verschlechterung gerechnet wird. Jedoch gibt es Stand heute auch noch nicht viele Anzeichen dafür, dass uns wieder ein wirtschaftlicher Aufschwung bevorsteht, der diese Bezeichnung verdient. Zwar haben wir gerade im asiatischen Markt die besten Ergebnisse unserer Geschichte eingefahren. Und auch jetzt ganz aktuell zieht die Zahl in unseren Orderbüchern leicht an. Ob das jedoch ein Signal ist für eine Entspannung am Markt oder einen generellen Aufschwung ist, kann zur Zeit meiner Meinung nach niemand seriös sagen.


Die Unternehmen Albis und Wipag
Die 1961 gegründete Albis, Hamburg, ist Compoundeur technischer Kunststoffe eigener Marken und Distributeur von Marken renommierter Hersteller. Für das Jahr 2018 meldete das Unternehmen 1,1 Milliarden Euro Umsatz und 26 eigene Standorte weltweit. Produziert wird in acht Compoundierwerken mit insgesamt 250 000 Tonnen Jahreskapazität.

Wipag wurde 1991 in Neuburg an der Donau gegründet und ist seitdem spezialisiert auf die Produktion von Re-Compounds vor allem für die Automobilindustrie. Ein weiterer Standort befindet sich in Gardelegen, Sachsen-Anhalt. Seit 2014 ermöglicht es eine patentierte Technologie, CfK-Reststoffe zu hochwertigem Carbon-Granulat aufzubereiten. Seit Januar Anfang 2018 ist Wipag ein Unternehmen der Albis-Gruppe.

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