A bisserl mehr geht allerweil

Recycling kann neue Anwendungen erschließen

Technologische Grenzen bietet das Recycling kaum noch, besonders bei sortenreinen Kunststoffen. Auch für einen großen Teil der Post-Consumer-Abfälle gibt es ausgereifte Verwertungskonzepte, die zu hochwertigen Regranulaten als Ersatz für Neuware führen. Eingefärbte und verstärkte Granulate sind inzwischen verfügbar. Viele weitere Entwicklungen zur Erzeugung von Recyclingwerkstoffen mit neuen Eigenschaften und zu günstigeren Kosten sind im Gange.

Rund 125.000 Tonnen PVC-Abfälle, unter anderem Fensterprofile, werden pro Jahr in Europa stofflich wiederverwertet. Aus den Regeneraten lassen sich wieder Produkte für die Baubranche wie Profile und Rohre herstellen. (Bild: Messe Düsseldorf, Rewindo)

In der europäischen Kunststoffbranche arbeiteten laut dem Erzeugerverband Plastics Europe im Jahr 2014 etwa 1,45 Millionen Menschen in 62.000 vorwiegend kleinen und mittelständischen Unternehmen. Sie erwirtschaften zusammen 350 Milliarden Euro Umsatz. Der Kunststoffverbrauch lag in der gesamten europäischen Branche bei 47,8 Millionen Tonnen, wovon mit 25,8 Millionen Tonnen mengenmäßig rund die Hälfte nach Benutzung auch wieder gesammelt wurde. Die Sammelquoten sind in den von Plastics Europe betrachteten 28 EU-Staaten plus Norwegen und der Schweiz weiterhin sehr unterschiedlich. Insgesamt werden von den gesammelten Reststoffen in Europa mittlerweile rund zwei Drittel verwertet, allerdings nur die Hälfte werkstofflich, der Rest verbrannt.

Hauptfraktionen sind Polyolefine

Polyolefine sind mit rund 9,5 Millionen Tonnen PP, 8 Millionen Tonnen PE-LD und PE-LLD sowie 6 Millionen Tonnen PE-HD und PE-MD mengenmäßig die am häufigsten verwendeten Kunststoffe in Europa. Sie machen zusammen etwa die Hälfte des Gesamtverbrauchs aus. Allein aufgrund der Menge und der vielen Anwendungen stellen die Polyolefine auch in den Recyclingströmen den Löwenanteil. Handelt es sich um sortenreine Reststoffe, lassen sich diese hervorragend aufbereiten und dementsprechend gibt es zahlreiche Verwertungsbetriebe, die sich mit Polyolefin-Recycling beschäftigen. Sogar mancher Kunststoffverarbeiter geht heute einen Schritt weiter und betreibt neben dem Inhouse-Recycling und der direkten Rückführung seiner Produktionsabfälle eine eigene Regranulieranlage, um seine Abfälle zu Granulaten aufzubereiten. So auch die Polifilm Extrusion in Weißandt-Gölzau, die nach eigenen Angaben jährlich 25.000 Tonnen Regranulate hergestellt. Daraus entstehen beispielsweise Müllsäcke, Bau- und Landwirtschaftsfolien.

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Die Trenntechnik Ulm hat in Memmingen eine Anlage zur chemischen Trennung von PA-PE-Verbundfolien aufgebaut. Mit diesem Verfahren könnten künftig auch andere Rohstoffe zurückgewonnen werden. (Bild: Messe Düsseldorf, Trenntechnik Ulm)

Schwieriger ist es, wenn PE und PP-Gemische vorliegen, die sich aufgrund ihrer sehr ähnlichen Dichte schlecht voneinander trennen lassen. Hier sind NIR-Trennverfahren heute Stand der Technik. PE und PP lassen sich aber auch gemeinsam zu hochwertigen Produkten aufbereiten, wie die MTM Plastics in Niedergebra mit ihren PE-PP-Regranulaten beweist. Auf die Aufbereitung der reinen PP-Fraktion hat sich die DSD Resource in Köln spezialisiert. Sie setzt auf eine definierte reproduzierbare Ausgangsmischung, um ebenso reproduzierbare Regranulate in attraktiven Farben zu erzeugen.

PET-Recycling etabliert, aber erweiterbar

Knapp 7 Prozent des gesamten Kunststoffverbrauchs oder rund 3,1 Millionen Tonnen PET pro Jahr werden in Europa verarbeitet. Aus dem weit überwiegenden Anteil entstehen Flaschen. Insgesamt erreichen die 30 Länder in Europa laut Branchenverband eine durchschnittliche Sammelquote bei PET von 57 Prozent. So wurden im Jahr 2014 1,75 Millionen Tonnen Post-Consumer-PET-Abfälle gesammelt. Während Deutschland, Italien und die Schweiz rund die Hälfte des Gesamtvolumens sammeln, erreichen manche Länder nur eine Sammelquote von 10 bis 20 Prozent. Insgesamt seien die Quoten jedoch steigend. PCI PET Packaging, Resins and Recycling Ltd. rechnet bis 2019 mit um 3 bis 5 Prozentpunkte steigende Anteile. Allerdings werden bisher fast ausschließlich Flaschen gesammelt, die in der Regel in eigenen Sammelsystemen erfasst werden. Obwohl es von Anfang an das Ziel war, die gesammelten Flaschen-Flakes in die Flaschenherstellung zurückzuführen, hat die Industrie Abnehmer in anderen Bereichen gesucht und gefunden. Besondere für Folienhersteller sind Post-Consumer-Flaschenflakes interessant geworden, so dass sie 2014 mit 34 Prozent den größten Anteil der gesammelten Reststoffe in ihrem Industriezweig nutzten. Knapp 30 Prozent der Flakes wurden in Blasformanwendungen genutzt, 26 Prozent in der Faserindustrie und der Rest für Verpackungsbänder und andere Produkte.

Spritzgießer Gies aus Niederaula stellt farbige Einkaufskörbchen vollständig aus PP-Regranulaten der DSD Resource aus Köln her. Besonderheit der Regranulate ist ihre Reproduzierbarkeit und gute Einfärbbarkeit. (Bild: DSD)

„Regranulate, die in Spritzgießanwendungen zur Herstellung neuer Flaschen für den Food- oder Nonfood-Kontakt nötig sind, werden derzeit weniger erzeugt, da die Preise für Virgin-Materialien stark gefallen sind“, erklärt Elfriede Hell, Leiterin der Sparte Recycling Technology beim österreichischen Anlagenhersteller Starlinger. Im Gegensatz zu den gebrauchten Flaschen landen Schalen und Folien nach Benutzung meist in der Verbrennung oder auf Deponien. Allerdings gebe es inzwischen einige Kunden, die sich speziell für Recyclingprojekte mit Trays und Folien interessieren.

Zum ersten Mal hat sich mit der deutschen Werner und Mertz ein Unternehmen mit dem Recycling von nicht bepfandeten PET-Flaschen und -Folien aus dem Gelben Sack beschäftigt. Im Rahmen seiner Recycling-Initiative hat das Unternehmen aus den PET-Reststoffen Regranulate für den Einsatz in Detergentien-Flaschen hergestellt. Allerdings konnte auch hier nur ein kleiner Anteil der Folien mitverarbeitet werden.

PVC-Recycling erreicht hohe Verwertungsquoten

Für die extrusionsblasgeformte Spülmittel-Flasche aus Polyethylen setzt der Hersteller von ökologischen Reinigungsmitteln Ecover Belgium Kunststoffmüll ein, den Fischer aus dem Meer gesammelt haben. (Bild Ecover)

Gerade das Recycling von PVC, einem Werkstoff, der aufgrund seiner hervorragenden mechanischen Eigenschaften mit über 70 Prozent vor allem in der Baubranche, aber auch im Verpackungs-, Möbel- und Medizinsegment nicht wegzudenken ist, hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. Laut einer von Plastics Europe beauftragten „Consultic-Studie“ lag der Bedarf für PVC im 2014 in Europa bei 4,9 Millionen Tonnen und ist damit nach PP und PE der am dritthäufigsten eingesetzte Kunststoff. Mit 1,56 Millionen Tonnen wird rund ein Drittel des Gesamtbedarfs in Deutschland verarbeitet. Da PVC häufig in sehr langlebigen Produkten wie Fenstern, Rohren und Bodenbelägen zum Einsatz kommt, stehen pro Jahr „nur“ 650.000 Tonnen für eine Wiederverwertung zur Verfügung, wovon etwa 520.000 Tonnen aus Post-Consumer-Anwendungen kommen und 130.000 Tonnen Industrieabfälle sind. Die Verwertungsquote liegt demnach für PVC-Abfälle bei 99 Prozent, 62 Prozent davon werden allerdings verbrannt.

Die durch werkstoffliches Recycling hergestellten PVC-Rezyklate finden sind besonders in Bau-Anwendungen, zum Beispiel wieder für Profile und Rohre, aber auch in Garten und Landwirtschaft. Unter http://www.pvcrecylingfinder.de sind viele PVC aufbereitende Unternehmen aufgeführt. In der jüngsten Selbstverpflichtung „Vinylplus“ verpflichten sich die Unternehmen der Branche bis 2020 insgesamt 800.000 Tonnen Abfälle rohstofflich und werkstofflich zu verwerten. Das entspricht fast einer Verdoppelung zum Stand 2014.

Verbundstoffe sind für das Recycling oft verloren

Während sich Post-Consumer-Produkte aus reinen Polymeren überwiegend gut aufbereiten lassen, bieten Verbundprodukte aus zwei oder mehr Rohstoffen noch hohe Hürden. Für ein werkstoffliches Recycling sind diese Abfälle meist verloren. Abhilfe schaffen kann unter anderem ein recyclingfreundlicheres Design für Verpackungen, die einen Großteil der Post-Consumer-Abfälle ausmachen. Mit Hilfe des Programmes Recyclass (www.recyclass.eu) kann jeder Hersteller von Kunststoffverpackungen schnell und einfach prüfen, ob seine Verpackung recyclingfähig ist. Wichtige Aspekte sind dabei, möglichst auf Füllstoffe wie Kreide in PE- und PP-Verpackungen zu verzichten, Kunststoff-Papier-Verbunde zu vermeiden, nur mäßig zu pigmentieren und darauf zu achten, dass die Dichte aller Produkte deutlich von 1 g/cm³ abweicht, um eine Dichte-Trennung zu ermöglichen.

Für viele Produkte wie Müllbeutel werden schon heute selbstverständlich Rezyklate eingesetzt. (Bild: Polifilm)

In der Branche gibt es gleichzeitig Bestrebungen, Verwertungskonzepte für gemischte Abfälle zu entwickeln. Einen interessanten Ansatz verfolgt die Trenntechnik Ulm, die ein chemisches Trennverfahren für PE-PA-Verbundfolien entwickelt und eine Produktionsanlage mit einer Kapazität von 10 Tonnen pro Tag aufgebaut hat. Endprodukte des Trennverfahrens sind nach Unternehmensangaben ein mit Neuware vergleichbares Polyamid sowie ein Polyethylen, das direkt mit Ruß eingefärbt wird, also ein Carbon-Black-Masterbatch in besonders reiner Form. Wie Geschäftsführer Wolfgang Zacherle betont, gäbe es für jeden Kunststoffverbund ein geeignetes Löse- und Trennmittel, so dass einer Ausweitung dieses Verfahrens auf weitere Verbundprodukte nichts im Wege stehe.

Recycling wirtschaftlicher machen

Obwohl Recycling in der Kunststoffbranche in vielen Projekten gelebt wird, muss die Verwertungsquote weiter steigen. Europaweit werden schätzungsweise 50 Prozent Metallschrott in der Stahlherstellung wieder eingesetzt, gleiches gilt für die Papierbranche: 50 Prozent alte Papiere und Pappen werden in der Herstellung von Papieren und Pappen wieder eingesetzt. In der Kunststoffbranche werden erst rund 4 Prozent aufbereitete Altkunststoffe anstelle von Neuware zur Herstellung von Kunststoff-produkten eingesetzt. Neue technische Möglichkeiten sollen die Steigerung der mengen ermöglichen. Wie die aussehen können, wird die K 2016 in Düsseldorf in Düsseldorf zum Thema machen. Zahlreiche Aussteller werden Maschinen und Anlagen für Aufbereiten und Recycling präsentierten, für sortenreine Abfälle ebenso wie für gemischte Abfälle und für Abfälle aus Gummi.

Der Messeveranstalter geht davon aus, dass sich die Quoten in den kommenden Jahren erhöhen werden, denn der Einsatz von Rezyklaten ist sowohl aus ökologischen als auch aus ökonomischen Gründen geboten – selbst wenn aktuell die Preise für Neuware auf einem ungewöhnlich tiefen Stand sind. „Marine Litter“, die Verschmutzung der Meere mit Abfällen, hat den verantwortungslosen Umgang mit Abfällen vor allem in Schwellenländern weltweit sichtbar gemacht und die Forderungen anderer Konsumenten nach einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen befördert. Musterprojekte wie die „Ocean bottle“ helfen, die Konsumenten für die Thematik zu sensibilisieren.

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